Bonn, im Mai

Im Wahljahr sind die Meinungsforscher den Parteien doppelt willkommen – sofern sie gute Botschaft bringen. Vom Baume der demoskopischen Erkenntnis möchten sich die Politiker stets nur die für sie süßesten Früchte pflücken, um die Wähler anzulocken. Wehe aber dem Der moskopen, der den Hinweis nicht zu unterdrücken vermag, daß sich diese Früchte am Ende doch als Wurmstichig erweisen könnten: Der Zorn der Betroffenen ist ihm sicher.

Diese Erfahrung hat jetzt der Mannheimer Soziologe Professor Wildenmann sammeln müssen, nachdem er in einem Interview mit der Welt prophezeit hatte, daß sich der Abstand von acht Prozent Stimmenanteil, der 1965 die SPD von den Unionsparteien getrennt hat, auch bei den kommenden Wahlen kaum verringern werde. Grollend spricht man im sozialdemokratischen Parteihauptquartier von "Manipulation" und drohend sogar davon, daß nun überlegt werden müsse, ob Wildenmann noch als Wahlkommentator beim Zweiten Fernsehen akzeptabel sei.

Wenn nicht verärgerte, so doch süß-saure Mienen sind auch bei den Christlichen Demokraten zu sehen. Sie fürchten, daß demoskopische Erfolgsrechnungen manchen treuen Anhänger der Union zu der Überzeugung verleiten könnten, auf seine Stimme komme es nun nicht mehr unbedingt an. Und nur spiegelbildlich verschieden wäre die Reaktion bei den beiden großen Parteien ausgefallen, hätte Wildenmann seine Prognose umgekehrt gestellt.

Daß sich die Wählersympathien, wie übrigens auch, im Frühjahr 1965, gegenwärtig auf CDU und SPD etwa gleich verteilen, ist den beiden großen Parteien nur recht – der Union, weil sie mit der Gefahr eines sozialdemokratischen Wahlsiegs operieren und dadurch ihre Parteigänger mobilisieren kann, der SPD, weil sie behaupten kann, daß der "Genosse Trend" wieder mit ihr marschiere.

Der Mannheimer Professor hat an eine Grunderkenntnis der Meinungsforschung erinnert, daran nämlich, daß ein hohes Maß an Wählersympathie für diese oder jene Partei nicht auch schon eine ebenso reiche. Stimmenernte verspricht. Unmißverständlich heißt es in seinem Interview: "Daß die Bevölkerung die Parteien gleich bewertet, bedeutet eben noch nicht, daß ihr eigentliches Wahlverhalten nachher dann auch der Bewertung entspricht."

Genauso war es 1965, als die Mär vom Kopfan-Kopf-Rennen zwischen den beiden großen Parteien zum Allgemeingut wurde – damals wie heute von CDU wie SPD genährt, um auch den letzten Unionsanhänger an die Urne zu bringen oder um den sozialdemokratischen Gefolgsleuten Zuversicht einzuflößen. Am Wahlabend aber sah alles ganz anders aus, und jene Meinungsforscher waren glänzend bestätigt, die davor gewarnt hatten, von Wählersympathien unmittelbar auf Wahlentscheidungen zu schließen. Eine Partei mag als wählbar erscheinen, doch ob sie dann tatsächlich gewählt wird, ist eine ganz andere Frage.