Von Joachim Schwelien

Washington, im Mai

Für Amerika ändert sich durch General de Gaulles Rücktritt im Augenblick nichts, auf längere Sicht jedoch sehr viel. Er schafft die Voraussetzungen für ein neues Gesamtbild Westeuropas und könnte jene Ideen fördern, die Präsident Richard Nixon und sein Chefberater Henry Kissinger vom künftigen Verhältnis Amerikas zu Europa haben. Diese Annahme geht davon aus, daß von der gaullistischen Außenpolitik jene Tendenzen erhalten bleiben, die sich schon im letzten Amtsjahr des Generals abzeichneten: Beendigung des Kreuzzuges gegen die "Angelsachsen" und Normalisierung des amerikanisch-französischen Verhältnisses.

De Gaulles Rolle als Störfaktor der amerikanischen Weltpolitik war weitgehend abgenutzt, nachdem er Großbritanniens EWG-Beitritt verhindert und den Auszug Frankreichs aus der Militärorganisation der NATO so weit vorangetrieben hatte, wie das ohne Verzicht auf die Bündnismitgliedschaft möglich war. Washington hatte aufgehört, sich über Charles de Gaulle zu erregen.

Auf der Habenseite der Bilanz standen seine Mitwirkung an dem Neutralitätsabkommen für Laos, die von ihm geforderte Neutralisierung Südostasiens, die in der Kriegsära Lyndon Johnsons zwar noch als Dolchstoß empfunden wurde, aber mit Nixons Konzept von einer Entamerikanisierung des Vietnam-Konfliktes durchaus zu vereinbaren ist, und sein Vorschlag für eine Viermächte-Formel zur Befriedung des Nahen Ostens, auf den die USA eingegangen sind.

Schließlich bot de Gaulle den Amerikanern einige Jahre den vielleicht nicht unerwünschten Vorwand dafür, ihre Europa-Politik in Passivität versanden zu lassen. Solange der General als monumentales Hindernis den Zusammenschluß Westeuropas zum autonomen Partner Amerikas verhinderte, stellte sich für Washington auch nicht die Frage, über welche politische und militärische Substanz dieses Westeuropa verfügen müsse, um eine selbständige Funktion ausüben zu können.

Nixons Vorstellung ist es, Europa nach und nach aus seiner subsidären Rolle zu entlassen. Als Fernziel schwebt ihm vor eine regionale Verteidigungsorganisation, die stark genug ist, um sich – angelehnt an Amerika – behaupten zu können. Hierzu gehören auch die Gedanken Henry Kissingers über eine europäische Kernwaffen-Streitmacht auf der Grundlage des bescheidenen französischen und britischen Atompotentials. Freilich läßt sich keine dieser Überlegungen schon heute als neue Konzeption der amerikanischen Europa-Politik formulieren, solange offenbleibt, welchen Weg Frankreich nach de Gaulle gehen wird.