Munter und scheinbar wahllos ist auf internationalem Feld in den letzten Wochen die Börsengunst von Branche zu Branche gesprungen. Dabei erwiesen sich Ölaktien als recht gesuchte Papiere. Ein bekannter Wallsteet-Broker bezeichnete die Ölwerte als "ideale Investition". Und in den oft vertraulichen Anlageempfehlungen erster europäischer Banken tauchen immer wieder Ölaktien als Favoriten ihrer Anlageberater auf.

Der Grund liegt einmal darin, daß wir es hier mit einem ziemlich unruhigen, immer wieder überraschungsreichen Wirtschaftszweig zu tun haben, der oft auch auf kürzere Sicht entsprechende Chancen (und Risiken) birgt. Spekulative Naturen fühlen sich davon besonders angesprochen – was nicht ausschließt, daß eine ganze Reihe erster Titel auch für den konservativen Anleger durchaus interessant sind. Zum anderen aber handelt es sich noch immer um eine ausgesprochene Wachstumsindustrie, sowohl was die Rohstoffversorgung als auch den Verbrauch angeht. Vor wenigen Tagen erst hat Esso gemeldet, 1968 sei die Rekordmenge von 5,8 Milliarden Tonnen Ölreserven neu erschlossen worden, dreimal mehr als im Vorjahr in der ganzen Welt gefördert wurde und mit den augenblicklichen Kapazitäten verarbeitet werden kann. Man kennt gegenwärtig förderwürdige Vorkommen im Umfang von gut 60 Milliarden Tonnen, zu Beginn dieses Jahrzehnts waren es erst 40 Milliarden. Und dabei steht die Branche nach den jüngsten Entdeckungen in Alaska anscheinend erst am Anfang einer Art "arktischen Ölrausches" und schickt sich eben erst an, die Unterwasservorkommen nahe der Küsten mehrerer Kontinente zu erschließen. Andererseits nimmt der Verbrauch von Erdölerzeugnissen ständig rasch zu, 1968 besonders in Japan (über 16 Prozent) und in Westeuropa (10 Prozent). Solange zahlreiche Länder noch nicht auf hohem Industrialisierungsgrad angelangt sind und sich in kurzen Intervallen immer wieder neue Anwendungsmöglichkeiten ergeben, wird die rasche Ausdehnung des Verbrauchs mit Sicherheit anhalten.

Anlageempfehlungen der Banken richten sich im Augenblick vor allem auf British Petroleum (wegen der Funde in Alaska und der Übernahme des Sinclair-Vertriebsnetzes in den USA); Amerada im Übernahmegeplänkel zwischen Home Oil und Philipps Petroleum, Compagnie Française des Pétroles (CFP) und Atlantic Richfield. Frankreichs größter Ölkonzern CFP gilt nach einer Reingewinnsteigerung um über 13 Prozent auf 313,6 Millionen Francs trotz höheren Abschreibungen als besonders attraktiv. Ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von lediglich sechs spricht Bände. Atlantic Richfield hat vor kurzem die Fusion mit Sinclair Oil durchgesetzt, bringt damit den größten Zusammenschluß der USA in dieser Branche zustande und verschafft sich zugleich Zugang zum Arktis-Geschäft.

Trotz der politischen Unsicherheiten – auch von den neuentdeckten Vorkommen entfällt wieder mehr als die Hälfte auf den Nahen und Mittleren Osten – und trotz der Versuche der Regierungen etwa von Algerien, Ekuador oder des Iran, sich vom "Ölkuchen" ein größeres Stück abzuschneiden, verdient aber noch eine lange Reihe weiterer Titel die besondere Aufmerksamkeit der Börse: Royal Dutch mit 12,5 Prozent Stockdividende und weiteren geschätzten Gewinnsteigerungen um jeweils über 10 Prozent sowie Standard Oil (New Jersey und Indiana) und Philipps wegen einer Bruttorendite von 4 Prozent oder mehr und zum Teil niedrigen Preis/Gewinn-Raten; Occidental Oil, Gulf und Texaco, die zu den umsatzstärksten Titeln der Wallstreet gehören. Hoch in der Gunst der Berater steht auch die belgische Pétrofina, weniger wegen der Erdgasfunde vor der britischen Küste als vielmehr wegen Gewinnerwartungen von plus 12 bis 15 Prozent und einer Preis/Gewinn-Rate von nur 9,5. Wolf gang Winter