Ingeborg Drewitz, Vizepräsidentin des westdeutschen PEN-Clubs, fand in dem ZEIT-Bericht über die diesjährige Generalversammlung zu viel von "jener Traurigkeit, die einen beim Nachhausefahren überfällt". Wir räumen ihr diesen Platz ein für eine optimistischere Diagnose.

Das Caféhaus hat seine Rolle im Literaturbetrieb ausgespielt. Die Kneipe ist der Schauplatz von ein bißchen gestriger Bohème, der Salon (wo es den noch gibt) Treffpunkt neobourgeoiser oder vorvorgestriger Elite. Die Schriftstellerverbände sind mit ihrem Zusammenschluß und noch immer, wenn auch unausgesprochen, mit der Abgrenzung des Berufsstandes gegen die Dilettanten beschäftigt. Die Fernsehscheibe ist der Ort der Begegnung mit Schriftstellern und von Schriftstellern untereinander. Ihr Gespräch findet in der Öffentlichkeit (wie eine Schaustellung) statt und wird gut honoriert.

Das war noch anders, als der PEN-Club in den zwanziger Jahren gegründet und als die deutsche Sektion 1948 wiedergegründet wurde. Damals mußten die Schreibenden einander entdecken, damals hatte das Gespräch miteinander noch Funktion. Heute weiß man, wenn A und B und X und Y auf dem Podium stehen, was sie denken, was sie sagen werden. Heute ist das Gespräch von Schriftsteller zu Schriftsteller ohne Mikrophon und Scheinwerfer in die Gemütlichkeit weggeglitten, zu der A und B und X und Y, zwischen Klausur und Öffentlichkeit immer unterwegs, keine oder nur wenig Zeit haben.

Das macht die periodisch wiederkehrenden, vereinsrechtlich geforderten Treffen auch des PEN-Clubs so unattraktiv. Niemand verliert gern einen ganzen Tag für verbandstechnische Abwicklungen, die doch notwendig sind, will man Demokratie üben.

Natürlich sucht man auch im PEN nach möglichen formalen Lösungen, ohne das Dilemma aus der Welt schaffen zu können, in das die Gesellschaft den Schriftsteller heute drängt. Die Autoritätsverschiebung durch die Massenmedien, der Einbruch in seine Individualsphäre nötigt ihm eine Rolle auf, die seine Gesprächsbereitschaft zwangsläufig einschränkt.

Das PEN-Zentrum der Bundesrepublik versuchte in den letzten Jahren, einen Veranstalgungsmodus zu entwickeln, der dieser veränderten Position des Schriftstellers in der Gesellschaft Rechnung trägt. Es hat sich gezeigt, daß Prozeduren der Mitgliederversammlung durch schriftliche Vorbereitung gestrafft werden können, aber auch, daß es sinnvoller ist, nur eine, nicht mehrere öffentliche Großveranstaltungen durchzuführen, aber eine Anzähl kleinerer öffentlicher Veranstaltungen daherum zu gruppieren, um das noch immer interessierende Werkstattgespräch in Gang zu halten und die Vielschichtigkeit des literarischen Lebens darzutun.

Organisatorisch ist das lösbar. Ob die Zurückhaltung der jungen Autorengeneration im PEN dadurch überwunden werden kann, ist noch eine offene Frage. Ihr Nein zur verbalen Absicherung von Werten, die in der Umwertung begriffen sind, durch die schon etablierte Vor-Generation kann nur durch glaubwürdige Aktivität widerlegt werden. Bisher hat der PEN-Club die noch immer geleistet oder zu leisten versucht und den Verdacht entkräftet, in selbstzufriedener Exklusivität Formeln, die in den zwanziger Jahren noch frisch waren, zu wiederholen.