ARD, Montag, 5. Mai: "Musik von heute – Argumente zu einem heiklen Thema"

Wer mit einer Sache nicht zurechtkommt, läßt – das klingt dann überzeugender – eine Celebrität die Schwierigkeiten erklären. Bernd W. Wessling bemühte, als er die "Musik von heute" nicht für einen Dreiviertelstunden-Film in den Griff kriegen konnte, Herbert von Karajan, der meint: "Nie zuvor hat es in der Musikgeschichte einen solchen Irrgarten gegeben wie in der Gegenwart."

Dieser Irrgarten der "Musik von heute" besteht, für Wessling, aus einem ganz kleinen Stück "Unsinn" von Mauricio Kagel, einem ebenso kleinen Teil leicht zu diskriminierender Methode von Hans Otte, noch einem winzigen bißchen Soldaten-Radikalität von Bernd Alois Zimmermann und einem Bruchteil "solcher" Musik von John Cage; dann aber aus sehr viel Hamburgischer Staatsoper, wo "großzügiges Mäzenatentum und die Initiative Rolf Liebermanns" sich "seit vielen Jahren bemüht, den modernen Opern gebührenden Anteil an den Aufführungen zu geben" – laut Leserbrief der Staatsopern-Pressestelle an die "Welt" waren es leider nur sechs Prozent –; schließlich zu rund einem Viertel aus Carl Orff.

Eine ebenso frisch frisierte wie frisch in den Journalismus gekommene junge Dame fragt den Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper Leopold Ludwig: "Was an den wichtigsten neuen Werken ist modern, was modernistisch, was epigonal?" Der über diese in der Tat erstaunliche Frage verblüffte Dirigent bekennt: "Modern ist der ‚Wozzeck‘ (Alban Berg, 1925), modernistisch die ‚Aniara‘ (Blomdahl, 1958), epigonal ‚Figaro läßt sich scheiden‘ (Klebe, 1962) und ‚Der Zerrissene‘ (von Einem, 1964)." Soviel zu den Werken.

"Ich glaube: das wesentlichste Hindernis für Erfolg und Verständnis ist eine gewisse – Animosität würde ich nicht sagen, aber gewisse Vorsicht. Unser Abonnentenpublikum rekrutiert sich ja zum großen Teil aus älteren Menschen, und für die ist es wirklich manchmal schwer, mit diesen Dingen, die rein musikalisch und szenisch als Probleme auf sie zukommen, fertig zu werden." Soviel zu Ludwigs und Wesslings Soziologie der "Musik von heute".

Vielleicht dann etwas über die Methoden und Techniken der heutigen Musik? Außer der Tatsache, daß bei Kagels Musiktheater "das Wort Unsinn in seiner ureigensten Bedeutung den Sachverhalt hervorragend trifft", erfährt der Zuschauer, wie Hans Otte aus einem lauten, aber kurzen und einem leisen, aber langangehaltenen Ton eine Philosophie und eine Komposition machen kann; dazu soll ihm Pierre Boulez ausgerechnet die musique concrète erklären (Boulez schrieb in der Tat einmal 1951 zwei "Etüden" mit konkreter Musik). Was sonst im Irrgarten alles passiert – Stockhausens "Kurzwellen"-Zufälligkeit oder seine neuen Konzertformen in "Ensemble" und "Musik für ein Haus"; die Masche der Klangfarbenkompositionen; die Versuche, U- und E-Musik, Jazz und Serielles, Beat und Aleatorik, Pop und Elektronik zu verbinden; musikalische Graphik und politisierte Musik – alles das hat für Wessling keinen Stellenwert: Es kommt in seinem Film gar nicht vor.

Aber möglicherweise haben die Interpreten, die großen Solisten oder Dirigenten oder Regisseure etwas beizusteuern an – so der Untertitel des Films – "Argumenten zu einem heiklen Thema". Wessling fragt die von ihm früher einmal in einer Bildbiographie porträtierte Astrid Varnay: "Verwandeln sie sich lieber in eine moderne oder in eine klassische Opernfigur?" Die als Isolde und Brünnhilde, als Leonore und Elektra berühmt gewordene Hochdramatische gesteht: "Ich liebe beide." Welche moderne, mag sie wohl gemeint haben?