Die französische Linke hat den Rücktritt von Staatspräsident de Gaulle bislang nicht zu nutzen gewußt. Zerstrittener denn je stellte sie dem Kandidaten der Gaullisten und früheren Premierminister Georges Pompidou bei Wochenbeginn nicht weniger als drei Kandidaten gegenüber, und zwar

  • Gaston Deferre (58), Bürgermeister von Marseille, als Vertreter der neugegründeten Sozialistischen Partei.
  • Jacques Duclos (72), seit 1959 Senator eines Pariser Arbeitervororts, als Vertreter der Kommunistischen Partei und
  • Marcel Rocard (36), Generalsekretär der linksextremen "Vereinigten Sozialistischen Partei".

Die größten Chancen, gleich im ersten Wahlgang am 1. Juni mit absoluter Mehrheit zu siegen, hat Pompidou, der sich die Unterstützung der Unabhängigen Republikaner sichern konnte und von dem man vor allem eine flexiblere Außenpolitik erwartet (vgl. Kasten "Dokumente der Zeit").

Ohne eigenen Kandidaten geht somit nur eine Wählergruppe in den Wahlkampf: die bürgerliche Mitte. Deren wahrscheinlicher Repräsentant, der interimistische Staatspräsident Alain Poher, hüllte sich bislang über seine politischen Absichten in Schweigen. Der unabhängige "Paris-Jour" schrieb am Dienstag, Poher werde sich nur dann zur Wahl stellen, "wenn er ernsthaft hoffen darf, im ersten Wahlgang (hinter Pompidou) den zweiten Platz zu erreichen".

Noch aber ist nicht völlig ausgeschlossen, daß sich die Linke doch noch auf einen Sammelkandidaten einigt, der dann vermutlich François Mitterrand heißen würde. Der eloquente Journalist aus der Charente hatte 1965 als Kandidat der Föderation der Demokratischen Linken – einer lockeren Arbeitsgemeinschaft diverser sozialistischer Gruppen mit den Kommunisten – de Gaulle im ersten Wahlgang der absoluten Mehrheit beraubt und zur Stichwahl gezwungen.

Diese Arbeitsgemeinschaft scheint jetzt freilich endgültig zerbrochen zu sein. Bis zuletzt kämpfte Mitterrand am vorigen Wochenende für einen gemeinsamen Kandidaten der Linken, diskret unterstützt von der KPF, die nicht in das Getto politischer Isolierung zurücksinken will. Die schließliche Spaltung schalt er ein "Verbrechen an der Republik".