Von Marion Gräfin Dönhoff

Jeder, der während der letzten Jahre darüber verzweifelt war, daß es mit Europa nicht voranging, weil der französische Staatspräsident allen Fortschritt blockierte, hat sich letzten Endes damit getröstet, daß irgendwann einmal die "Nach-de-Gaulle"-Epoche anbrechen müsse. Nun ist es soweit. Und was wird nun werden? Gibt es jetzt mehr Hoffnungen für Europa? Und wenn, welche?

Da die Mehrheit – wenn auch eine kleine Mehrheit – gegen de Gaulle gestimmt hat, kann man annehmen, daß der Nachfolger es anders machen muß, wenn er im Einklang mit der öffentlichen Meinung sein will. Und auf die öffentliche Meinung, auf die Mehrheitsverhältnisse wird er sehr achten müssen, denn die derzeitige Verfassung, die eine merkwürdige Mischung aus präsidentiellen und parlamentarischen Elementen ist, wird dem sehr viel schwächeren Nachfolger weit weniger Präsidialbefugnisse gewähren, als der General für sich usurpierte. Was aber heißt anders machen?

Sicherlich haben die Bürger Frankreichs nicht aus außenpolitischen Erwägungen "nein" zu de Gaulle gesagt. Sie sagten "nein", weil sie sich über die steigenden Preise ärgerten, über seinen selbstherrlichen Stil und die Art und Weise, wie er nach persönlichem Ermessen mit den Einrichtungen des Staates, zum Beispiel mit dem Senat, umsprang. Da aber all diese Ärgernisse mit der eigenwilligen Persönlichkeit des Generals zusammenhängen, finden jene Fragen vielleicht am ehesten eine Antwort, wenn man sich noch einmal vergegenwärtigt, worum es ihm eigentlich ging.

Für de Gaulle hat alles Unheil in Jalta begönnen, denn dort hatten die beiden Supermächte die Welt untereinander geteilt und die Demarkationslinie quer durch Europa gezogen. Zwar sah auch er ein, daß unser aller militärische Sicherheit auf dem atomaren Patt beruht, also darauf, daß die beiden Supermächte, zum Stillhalten verdammt, einander hochgerüstet gegenüberstehen. Aber er wußte auch, daß genau dies der Grund für die politische Schwäche Europas und damit Frankreichs ist.

So war sein Sinnen und Trachten vom ersten Moment seines Comeback im Mai 1958 darauf gerichtet, Europa politisch aus dem Klammergriff der beiden Riesen zu befreien. Während aber die anderen europäischen Staaten das gleiche Ziel dadurch zu erreichen suchten, daß sie sich immer enger an Amerika anschlössen, ging er den umgekehrten Weg. Nach dem Motto, die Russen sind schließlich – mindestens bis zum Ural – Europäer, machte er ihnen immer neue Avancen. Er glaubte, mit Entspannungspolitik und möglichst vielen Kontakten könne die nach Stalins Tod einsetzende Liberalisierung in der Sowjetunion gefördert und schließlich irgendwann einmal die Trennungslinie an der Elbe verwischt werden. Gleichzeitig zerschnitt er alle Fäden, die Frankreich als Teil Europas an Amerika banden.

Schon auf seiner ersten Pressekonferenz im März 1959 malte er ein sehr optimistisches Bild von der zukünftigen Entwicklung des kommunistischen Regimes, das der Sehnsucht des russischen Volkes nach Frieden, Freiheit und besserem Leben Rechnung tragen müsse und das – auch dies erwähnte er damals schon – Sorge vor dem Übergewicht der chinesischen Massen habe. Darum hieß sein Motto: Systematischer Ausbau der Beziehungen zu Rußland und enge Kontakte zu den Osteuropäern.