Für die Presse sind Satelliten offenbar undankbare Objekte. Über ihren Start wird gelegentlich noch in der Zeitung und im Funk berichtet, aber wenn der Satellit seine eigentliche Arbeit beginnt, wenn in den darauffolgenden Wochen an Bord des Flugkörpers ein Experiment nach dem anderen eingeschaltet wird, ist das Interesse längst erloschen." Das sagte einmal der Direktor der europäischen Weltraumforschungsorganisation ESRO (European Space Research Organisation), Professor Hermann Bondi, anläßlich des Starts des ersten ESRO-Satelliten.

Wie recht er damit hat, zeigt das Beispiel des teuersten, kompliziertesten und wohl auch erfolgreichsten Kunstmonds der Amerikaner. Seit Anfang dieses Jahres entdeckt der am 7. Dezember 1968 in eine 768 Kilometer hohe Kreisbahn geschossene Satellit laufend Neues, ja, für Astronomen geradezu Erregendes, aber wer hat schon Notiz davon genommen?

Das 300-MilIionen-Mark-Gerät heißt kurz OAO (Orbiting Astronomical Observatory, also "Umlaufendes Astronomisches Observatorium"). Mit seinem Gewicht von knapp zwei Tonnen – genau 1993 Kilogramm – ist OAO der bislang schwerste unter den unbemannten Satelliten, die zu Forschungszwecken in eine Erdumlaufbahn gebracht worden sind. Ausgerüstet ist die fliegende Beobachtungsstation mit elf 3,5-Zoll-Teleskopen. Diese Fernrohre werden auf Sterne gerichtet, von denen wir einige selbst, dann nicht erkennen könnten, wenn sie der Erde nahe stünden. Denn OAO 2 (OAO 1 versagte im April 1966 im Weltraum und nahm seine Arbeit gar nicht erst auf) registriert Strahlen, die das menschliche Auge nicht wahrnimmt und die auch mit Spezialgeräten auf der Erde nicht nachweisbar wären, weil sie größtenteils von der atmosphärischen Hülle unseres Planeten verschluckt werden, nämlich ultraviolettes Licht verschiedener Wellenlängen. Eine ultraviolettempfindliche Fernsehröhre vom Typ Uvicon nimmt an Bord des Satelliten die UV-Bilder der Sterne auf, die in Zahlen codiert und auf einem Magnetband gespeichert werden. Nach jedem Umlauf werden diese Meßdaten von den Bodenstationen abgefragt und die Teleskope des OAO auf neue Objekte ausgerichtet.

Bisher waren die Astronomen auf Raketen angewiesen, die nur während. ihres relativ kurzen Aufenthalts über der Erdatmosphäre Ultraviolettaufnahmen von Sternen machen konnten. Fünfzehn Jahre lang haben vierzig dieser Forschungsprojektile in einer Gesamtbeobachtungszeit von nicht mehr als drei Stunden Ultraviolettdaten von rund 150 Sternen gesammelt. Soviel Information beschafft jetzt OAO 2 an einem einzigen Tag.

Inzwischen hat der neue Supersatellit, der sich aus 328 000 Teilen zusammensetzt und damit noch erheblich komplizierter ist als die weich auf dem Mond gelandeten Sonden vom Typ "Surveyor", bereits viele tausend Sterne untersucht. Was er dabei herausgebracht hat, ist durchaus sensationell und hat für die Astronomie neue, sehr wesentliche Kenntnisse erbracht.

Nach den Beobachtungsergebnissen des OAO 2 gibt es die sogenannten Quasare ("quasistellare Radioquellen") nicht, wie bisher angenommen wurde, nur in unvorstellbarer, Lichtjahrmillionen oder gar -milliarden messender Entfernung von unserem Sonnensystem. Das kreisende Weltraumobservatorium hat zur Erde gemeldet, daß sich auch im Andromedanebel, der unserer Milchstraße im All benachbart ist, eine Quasar zu verbergen scheint. Der Andromedanebel, der als die Schwestergalaxie unserer Milchstraße gilt, ist weniger als zwei Lichtjahre entfernt. Aus der Tatsache, daß die Quasare im ganzen Weltall und nicht nur an dessen Grenzen zu existieren scheinen, schließt Dr. James E. Kupperian, der im Goddard Space Flight Center der NASA für das OAO-Projekt verantwortlich ist, daß sich erheblich mehr Sterne im Weltraum befinden, als man bisher angenommen hat. Jetzt liegt die Vermutung nahe, daß es sich bei den sehr entfernten Quasaren um ganze Milchstraßensysteme handelt.

Doch nicht nur im Hinblick auf die Quasare ist Amerikas schwerster Satellit gegenwärtig dabei, die Vorstellungen der Astronomen zu verändern. Auch über die Temperaturen der Sterne muß man sich neue Gedanken machen. Denn der "Stargazer", wie die Amerikaner ihren neuen Sterngucker nennen, hat in den vergangenen fünf Monaten eine ganze Reihe sogenannter junger Sterne untersucht. Das sind Himmelskörper, deren Alter auf zehn- bis hunderttausend Jahre geschätzt wird. (Das Alter unserer Erde beträgt mehrere Milliarden Jahre.) Die jungen Sterne geben nicht weniger als 95 Prozent ihrer Energie in ultravioletter Strahlung ab. OAO 2 hat entdeckt, daß diese Himmelskörper doppelt so heiß sind, wie man bislang angenommen hatte. Der Befund ist zum Beispiel für die Suche nach außerirdischem Leben und höherer Intelligenz im Weltraum von großer Bedeutung, zeigt er coch, daß Planeten junger Sterne für Leben, wie wir es von der Erde kennen, nicht in Betracht kommen. Einige dieser Sterne erreichen eine siebenfach höhere Temperatur als unsere Sonne.