Weit davon entfernt, die anziehende Kraft der antiken Stätten, die mehr als 4000 Jahre bezeugen, zu unterschätzen, setzt die griechische Zentrale für Fremdenverkehr kurzerhand in diesem Jahr in ihren Werbeparolen den Akzent auf Sonne und See, um mit den anderen mittelmeerischen Ländern zu wetteifern. Nicht nur der Staat braucht die Devisen der ausländischen Reisenden, sondern auch die Hoteliers, Gastronomen, Taxifahrer, Postkarten- und Andenkenverkäufer, Gepäckträger und Schuhputzer.

Auch der Bürgermeister von Kos baut ein Hotel, er gehört zu jener gehobenen griechischen Schicht der Händler, die unter jeder Regierung immer reicher werden. Viele Hotels sind geplant. Später zeigt er die Stellen an der kahlen Küste, wo jetzt noch freies Feld ist. Die Vorzüge von Kos weiß er mit griechischem Scharfsinn, feuriger Einbildungskraft und Witz und mit dem neuen Anflug von hellenistischem Nationalismus zu schildern. Er unterstreicht alle Worte mit einem bekräftigenden "Ja, ja". Hippokrates, ja, ja, seine Statue, überlebensgroß, prüfend und nachdenklich blickend, steht im kleinen Museum. Insel der Heilkunst, Bäder und Quellen, viel Wasser, ja, ja, (Nero krio, "frisches Wasser", ein Lieblingswort der Griechen). Die drei Terrassen des Asklepieion in arkadischer Landschaft, Heiligtum und antike Heilstätte, Thermen, Brunnen. Und Tempel, zu Ehren von Äskulap, Sohn des Apollon, Gott der Heilkunst, Beschützer der Ärzte, und seiner Tochter Hygieai, Göttin der Gesundheit und Hygiene. Die Ruinen wurden von dem deutschen Archäologen Herzog ausgegraben. Sein Enkel Werner Herzog, ein begabter Filmer, drehte seinen aufsehenerregenden Film "Lebenszeichen" auf Kos.

Von der Platane, angeblich, verteilt der Bürgermeister Scheiben mit seinem Namenszug und erzählt die Mär, daß Hippokrates, der Vater der Heilkunde, 460 v.Chr. auf Kos geboren wurde und die Medizin von allen teils religiösen, teils philosophischen Spekulationen befreit und die exakte Forschung vorgezeichnet hat, hier gesessen und gelehrt haben soll. Ja, ja. Aber Platanen werden nicht älter als 500 Jahre. So alt wird diese wohl bald sein, ein Wrack eines greisen Baumes, künstlich am Leben erhalten, mit riesigem, ausgehöhltem Stamm, in dem eine Schulklasse Versteck spielen könnte, wenn ein Gitter sie nicht zurückhielte. Die gewaltigen Äste mit Marmorsäulen und Holzstützen gehalten.

Der Strand des Städtchens Kos und seiner Umgebung schmal, voller Kiesel und wenig einladendem schwarzem Sand – eine großspurige Handbewegung: "Alles wird sich ändern."

Der Bürgermeister vergißt nicht Apelles, den Maler, einen Porträtisten Alexander des Großen, zu erwähnen, der schon wie Lysippos, sein Zeitgenosse, das äußerste Maß des denkbaren technischen Könnens erreichte und als einer der großen Maler der Antike gilt. Jeder Inselbesucher lernt den Namen zechend kennen, ein Rotwein von Kos heißt so. Auch den weißen Rezina, Glavkos, wird man sich merken. Schon immer genossen die griechischen Inselweine wegen ihres Buketts und ihres Feuers einen großen Ruf.

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Ist es denn nicht, wie es immer war in Griechenland? Wenn sich nur nicht gleich in diesen ersten Augenblicken auf der Insel zwischen alles, was man je gelernt und gelesen hat, immer wieder diese dunklen Geschichten von den Obristen drängten. Schon am ersten Morgen war in dem kleinen neuen Hotel eine Griechin, schmal, blaß, an unseren Frühstückstisch gekommen, gedrängt, sich den Ausländern, den Journalisten zu offenbaren. Ihr Mann, ein Jurist, so stieß sie leise hervor, sei gerade zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, aus politischen Gründen. Freunde seien in Gefahr. Am schlimmsten sei der Zustand der Frauenlager auf den Inseln, die kein Tourist betritt. Strafvollzug wie im Mittelalter, so schloß sie ihren hastigen, harten Bericht.