Und da waren die Erlebnisse anderer Touristen. Eine junge Deutsche, die Kreta bereiste, erzählte von einer Fremdenführerin im minoischen Knossos, einer alten Generalswitwe, die mit Vehemenz das Loblied auf die Taten des neuen Regimes zwischen ihre Schilderungen der Antike mischte. Sie gab politischen Unterricht, wie es sich kein russischer Reiseführer erlauben würde.

Schlimmer aber war, daß die Hälfte der Reisegesellschaft, unideologisch, gesonnen, aber verschworen auf Ruhe, Ordnung, Sauberkeit, Beifall klatschte, bis ein besonnener Mann der Witwe sagte, er sei nach Kreta gekommen der Antike wegen und um dieses herrliche Land zu erleben, das er für das schönste Europas halte. Er wolle möglichst auch Griechen kennenlernen, nicht aber politische Lektionen entgegennehmen.

Die meisten Ausländer aber, Philhellenen oder auch nicht, die ihr politisches Gewissen zu Hause lassen und sich, ganz ohne Sympathie für Griechenlands Militärregierung, den langgehegten Wunsch erfüllen wollen, das Land ihrer Sehnsucht kennenzulernen, sind auf den klassischen Routen, auf Kreuzfahrten oder an den Sonnenstränden ganz abgeschirmt, sich selbst und ihrer Ferienstimmung überlassen oder ihren Studien. Waren sie im vorigen Jahr noch verschreckt oder ängstlich, nun reisen sie wieder. Jeder soll das für sich entscheiden. Boykott ist in erster Linie Sache der Wirtschaftler und der Politiker, nicht der Touristen, wir haben diese Meinung immer wieder begründet (ZEIT Nr. 28/1968, Nr. 7/1969, Nr. 13/1969).

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Auf Kos, wie überall in Griechenland, drängt von Szene zu Szene Geschichte ins Bild. Tempel, Kastelle, byzantinische Kirchen, Moscheen. Die Antike ist spannend, bildend, verpflichtend und noch immer aktuell. Fehlschlüsse der Philhellenen seit Winkelmann, die aus dem marmornen Ebenmaß der Götter und Epheben entsprangen, nehmen wir, wissend und distanziert, gelassen hin. Aber auch wir sind nicht frei von Fehlschlüssen. Kos war für Invasoren immer wieder begehrenswert, Perser, Karer, Ptolemäer, Römer, Kreuzritter, Türken, Italiener, die Kette der Eroberer und Tyrannen ist lang. Erdbeben, Verwüstungen suchten die Insel heim, wie Fehden, Spaltungen, Revolutionen und Militärdiktaturen. Not und Armut haben die Bevölkerung nie verlassen, aber auch nicht ihr Freiheitsbewußtsein, ihr demokratischer Sinn, ihr politischer Instinkt, das Erbe ihrer geschichtlichen Erfahrung, der von dem raffinierten homerischen Helden Odysseus eingeprägte Glaube an die Macht der Intelligenz und der List. Das griechische Volk versteht es, sich zu behaupten. Wir dürfen es nicht allein lassen.

Griechenland ist Griechenland. Es gibt abgelegene Täler, Berglandschaften und einsame Buchten auf Kos, wo Pan noch regiert, die Hirtenflöte den Ziegen aufspielt, Schafe über die Hänge ziehen. Ich habe viel gesehen in vielen Ländern der Erde. Nirgends ist die Harmonie der Umarmung von Land und Meer, die Schönheit der Landschaft so beglückend wie auf den ägäischen Inseln. Die Gastfreundschaft in entlegenen Gegenden erinnert noch immer an homerische Erzählungen. Man geht wie auf Samt, von Licht umflutet, und die Menschen sind wie Menschen sein sollten, offen, frei, natürlich, spontan, warmherzig. In den neuen Hotels gleichen Besitzer und Personal fehlende Perfektion durch Aufmerksamkeit und guten Willen aus. Mit einem Taxichauffeur handele ich einen Preis für eine Halbtagsfahrt in die Berge aus: 200 Drachmen.

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