Von Wolf Graf Baudissin

Einen Soldatenstand im Sinne innerer Homogenität, vorgegebener Autorität oder äußerer Privilegierung gibt es nicht mehr – er widerspricht den veränderten Strukturen von Gesellschaft und Beruf.

Die Bundeswehr ist – historisch gesehen – nach Einordnung in Staat und Gesellschaft, aber auch nach Funktion und innerer Struktur mit keinem ihrer Vorgänger zu vergleichen. Das sollte auch der nicht verkennen, der sie in erster Linie als Nachfolgerin von Wehrmacht und Reichswehr sieht und daher glaubt, die Nöte von heute mit Inhalten und Regelungen von damals lösen zu können.

Zum ersten Male in der deutschen Geschichte lautet die Funktion der Streitkräfte: Friedenswahrung durch Abschrecken im Rahmen eines Bündnisses von fünfzehn Nationen. Zum ersten Male in der deutschen Geschichte verbietet unsere politische Situation die bislang gültigen Bezüge auf das Staatsoberhaupt, auf einen imaginären Staat oder auf die Nation. Zum ersten Male in unserer Geschichte sind deutsche Streitkräfte ein Teil der Exekutive und generell parlamentarischer Kontrolle wie öffentlicher Kritik unterworfen.

Die Tatsache, daß die Funktionsweisen der Stäbe und Verbände heute weitgehend durch die technische Apparatur vorgegeben sind, ist ebenfalls ein neues Phänomen. Unter dem Status "Soldat" verbirgt sich – von den Zivilbediensteten des Verteidigungsressorts einmal ganz abgesehen – eine Vielzahl heterogener Berufe. Ihr Zusammenspiel beruht auf Koordination und Kooperation; es folgt anderen Gesetzen als das Kooperation; Gefüge vor- oder frühtechnischer Armeen. Der Soldat selbst ist Mitglied einer pluralistischen Gesellschaft; er steht dem Staat als abhängiger Angehöriger des öffentlichen Dienstes, aber gleichzeitig als vollberechtigter Staatsbürger loyal, doch kritisch gegenüber.

Dies war die Ausgangslage der fünfziger Jahre. Ihre Gegebenheiten hatten den Denkansatz für das innere Gefüge einer kommenden Bundeswehr und den Entwurf der Inneren Führung zu bestimmen. Da eine Anpassung von Staat und Gesellschaft, das heißt, eine Militarisierung des politischen und des zivilen Bereichs außerhalb der Vorstellungen lag, ging es um die sachgemäße Einordnung der Bundeswehr in die neue Wirklichkeit. Damit schied manches Alte, ob nun früher bewährt oder nicht, für den Neuansatz aus.

Dieser Abschied vom Altgewohnten war manchem nicht möglich – ein Umstand, der die Entwicklung eines neuen Selbstgefühls wie auch die äußere Anerkennung von Anfang an belastete. So geriet auch die Diskussion über diese Fragen bereits in den ersten Jahren auf Abwege: Statt sich auf die Betrachtung der neuen Situation und ihrer Konsequenzen zu konzentrieren, begann sie, um die Rechtfertigung der Vergangenheit zu kreisen.