Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Mai

Wie wird man die Lage meistern, die sich aus einem negativen Sieg all der verschiedenen, widersprüchlichen, versprengten Lager der Opposition ergibt, mit ihrem unvermeidlichen Rückfall in das Dickicht von Ehrgeiz, Illusionen, Kuhhandel und Verrat?" So fragte General de Gaulle in seiner letzten Fernsehansprache, drei Tage vor seinem Sturz.

Die Franzosen meistern die Lage nicht so schlecht, wie er annahm, aber mit den meisten Aussichten auf Erfolg handeln bisher die Gaullisten. Jene, die den General stürzten, haben ihr gemeinsames Mindestkonzept mit dem Kampf gegen ihn erschöpft.

Eigentlich müßte man erwarten, sie verhielten sich wenigstens so, daß der am besten plazierte Gegenspieler auch eine gewisse Aussicht hätte, bei der Neuwahl den gaullistischen Kandidaten Pompidou zu schlagen und dann bald Neuwahlen auszuschreiben. Doch nicht einmal so weit reicht das stillschweigende Einverständnis. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge liegen alle Chancen bei Pompidou, der nach dem Sieg auch noch die stärkste gaullistische Parlamentsmehrheit wiederfindet, die es je gab – dieselbe, die nach den Mai-Unruhen von 1968 für fünf Jahre gewählt wurde.

Der bestplazierte Gegenspieler gegen Pompidou kann nur ein Mann der Mitte sein. Alle Wahlergebnisse der letzten Jahre, auch das letzte, machen deutlich, daß es keine Linksmehrheit in Frankreich gibt. Ohne die Kommunisten ist sie gar nicht denkbar; aber jede Koalition mit den Kommunisten bleibt um so weiter vom Sieg entfernt, je stärker sie hervortreten.

Da die Mitte in Alain Poher, dem interimistischen Staatspräsidenten, derzeit einen Mann präsentieren kann, der sich eine gewisse Popularität erwarb und der auch eine Sprache spricht, die man bei den Sozialisten noch versteht, bot sich ein Versuch mit ihm an. In fast allen Parteiapparaten, die sich zwischen den Gaullisten und den Kommunisten ansiedeln, gab es auch Männer, die diesen Versuch machen wollten – überzeugt, in Poher keineswegs einen starken, aber doch wenigstens einen vertrauenerweckenden Kandidaten gefunden zu haben. Wenn er mit Pompidou zusammen in die Stichwahl kommt, dann wird es den Kommunisten schwerfallen, ihre Stimme dem Vertreter des "Pouvoir personnel et gaulliste" direkt oder, durch den Aufruf zur Stimmenthaltung, indirekt zugute kommen zu lassen.