Von Horst Krüger

Schon seine äußere Situation ist ungewöhnlich – ungewöhnlich anachronistisch. Andere verlassen morgens das Haus, eilen ins Amt, ins Büro, ins Geschäft. Sie wissen, wo sie hingehören. Sie haben Aktentaschen, Autoschlüssel, manchmal auch Thermosflaschen bei sich, und was immer sie am Tage tun werden, sie werden es gemeinsam tun, in der Gruppe, acht Stunden lang. Sitzungen, Konferenzen, Aktenstudium, kleine Kaffeepausen, dann neue Sitzungen, Korrespondenzen, Telephonate, Besuche, das Mittagessen in der Kantine – der Arbeitsprozeß in unserer Industriegesellschaft, so differenziert er sich auch darstellt, ist immer Teamwork, vollzieht sich in der Gruppe, im Kollektiv, draußen.

Ganz anders bei ihm. Ist er ein Frühinvalider, ein Asozialer, ein heimlicher Fürst? Er muß nicht beim Schrillen des Weckers um sechs aufstehen, er kann lange schlafen, sich noch etwas herumrekeln, er bleibt ja zu Hause. Eine bequeme und menschenfreundliche .Situation, nicht ganz ohne geheime Verführungen und Fallgruben. Er ist ja der letzte Heimarbeiter. Irgendwann findet auch er an seinen Schreibtisch, aber da er meist zu den Nervösen und Sensitiven, oft auch zu den Wetterfühligen gehört, läuft es mühsamer an, kommt schwerer in Gang. Er sitzt allein am Schreibtisch; da merkt man den Föhn viel stärker. Wird es heute gehen? Sollte man nicht lieber etwas Ordentliches treiben, zum Beispiel Steuerformulare ausfüllen? Hat es überhaupt einen Sinn? Es muß doch nicht sein, und, ehrlich, wer wartet wirklich darauf?

Wer seine Wohnung morgens nicht räumt, muß mit den Gerüchen, den Resten, den Anmutungen von gestern rechnen. Es hängt da soviel Vergangenheit in den Gardinen. Gestern abend, so zwischen sechs und sieben, schien ihm alles recht sinnvoll, vernünftig und äußerst wichtig: diese merkwürdige, solistische Tätigkeit, die man Schreiben nennt.

Ist das eigentlich ein Beruf? Ein abseitiges, etwas verrücktes Geschäft: Vor einem leeren Blatt Papier sitzen, auf einer Schreibmaschine herumklopfen, tippen, meistens nur mit zwei oder drei Fingern, also dilettantisch tippen, den ersten Satz finden, der über alle weiteren Sätze entscheiden wird. Wie ein Monomane an Wörtern, an Sätzen, an Stilfragen herumfingern – was ist das? Die Welt in Sprache einholen, in seine Sprache, in seine Sätze, in seinen eigenen, besonderen Stil – das ist ja Schreiben. Schreiben ist Sprache des Kollektivs, durch eine Individualität gepreßt, Welt durch einen einzigen Kopf gedreht und schön zerkleinert aufs Papier gebracht. Er hockt hinter seiner Schreibmaschine, halb wie ein Metzger hinter seinem Fleischwolf, halb wie ein Partisan hinter seinem Maschinengewehr, zielt auf etwas, möchte etwas treffen, möglichst exakt und genau ins Schwarze. Was?

Also: die Situation des freien Schriftstellers ist von denkwürdiger Abnormität. Es wird über die Studenten, die Professoren, die Postangestellten öffentlich viel diskutiert – wer spricht von ihm? Der Schriftsteller produziert immer noch nach den idyllischen Regeln des Frühkapitalismus, vergleichbar etwa mit einem Schuster, einem Gewandschneider, einem kleinen Handwerker zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, vielleicht in Nürnberg. Der biedere Handwerker, bei dem Werkstatt und Heim, Produktionsstätte und Wohnzimmer noch anmutig identisch sind. Heute herrschen überall Elektronengehirne, Fließbänder. Es ist alles sozial integriert und verzahnt: Kettenläden, Verkaufsorganisationen, Raiffeisen-Kassen – alles Gruppengeschäft. Nur beim Schriftsteller hat sich in zwei Jahrhunderten überhaupt nichts geändert.

Es ist alles so idyllisch privat und beinahe feudal noch; er gehört nicht zu den lohnabhängigen Massen, das ist wahr. Was er reinkriegt, nennt sich etwas großartig Honorar, eine Art Ehrensalär von Fürstenhand, für dessen Stabilität und achtprozentige Erhöhung ihm freilich keine Gewerkschaft zur Seite stehen wird. Er ist freier Unternehmer wie der Gemüsehändler um die Ecke, ein freier Gewerbetreibender, wenn er den gräßlichen Formularen des Finanzamtes glauben darf. Sozial gesehen, rangiert er ungefähr zwischen den Ärzten und Rechtsanwälten, obwohl sein Gewerbe so viel nicht einspielt. Keine Ärztekammer, keine Kammer der Anwälte gibt seinem Tun öffentliche Würde, Autorität und Maß. Es gibt kein Diplom für diesen Beruf. Jeder Jüngling, der einmal ein paar Zeilen gedruckt bekam, kann sich unangefochten freier Schriftsteller nennen. Man kann auch aus keiner Kammer hinausgeworfen werden; das ist sehr angenehm.