Paris, im Mai

Wenn es allein auf Sympathie ankäme, hätte Alain Poher, der heute die Geschäfte des Staatspräsidenten interimistisch führt, alle Aussichten, auch für die nächsten sieben Jahre das Oberhaupt Frankreichs zu werden. Mittlerweile fehlt es allerdings an Kandidaten nicht. Es sind ihrer eher zu viele. Aber wiederholen wir doch, was Gaston Defferre sagte, als man ihn vor dem Referendum fragte, wer denn bei einem Sieg des "Nein" den General de Gaulle ersetzen könne. "Warum nicht Poher?" war seine Antwort.

Oder nehmen wir Giscard d’Estaing. Gerade hatte er seinen Parteifreunden mitgeteilt, daß er nicht mit "Ja" stimmen werde, als diese ihn fragten: "Und wer kommt nach de Gaulle?" Giscard gab die gleiche Antwort: "Warum nicht Poher?"

Es ist eine Antwort, die in beiden Fällen auf eine Sympathieerklärung hinausläuft, nicht auf mehr. Denn sowohl der maßvolle sozialistische Politiker und Bürgermeister von Marseille, Gaston Defferre, als auch der vorsichtige Parteichef der Liberalen und frühere Finanzminister, Valery Giscard d’Estaing, haben sich anders besonnen. Der erste ist einer der Kandidaten der zerrissenen politischen Linken geworden, der andere hat sich für Pompidou entschieden. Beide können übrigens gewiß sein, daß Alain Poher ihre Sympathie erwidert. Denn sie haben etwas gemeinsam: die europäische Überzeugung, wobei die Intensität der Glaubenskraft an das gemeinsame Ideal von Mann zu Mann wahrscheinlich etwas nachläßt. Poher ist der Gläubigste. Dann folgt Defferre. Und dann Giscard d’Estaing.

Für eine Präsidentschaft Pohers hat sich am deutlichsten Lecanuet ausgesprochen, aber auch der andere Leiter der politischen Mitte, Duhamel, ist natürlich bereit, auf ihn zu setzen, der am ehesten in der Lage ist, die ganze Familie der Zentristen zu einigen, ihren Kreis auszudehnen und ihren Einfluß zu steigern – die "Dritte Kraft". Wo lägen hier die Grenzen?

Den Leuten der radikalen Rechten hat Poher deutlich die kalte Schulter gezeigt. Am gleichen Abend, da das Referendum entschieden und die Niederlage de Gaulles besiegelt war, hatte Tixier-Vignancourt nichts Eiligeres zu tun, als beim Palais Luxembourg, dem Amtssitz des Senats, vorzufahren. Aber Senatspräsident Poher empfing ihn nicht, und der rechtsradikale Führer fuhr wütend davon.

Nicht so böse, aber mindestens so deutlich in ihrer Ablehnung sind die Kommunisten. Wie weit aber die Ausstrahlung Pohers bei den Linken reicht, macht ein Wort des Sozialisten Guy Mollet deutlich: "Bei einer Wahl zwischen einem Kommunisten und Poher wähle ich Poher. Käme es zur Wahl zwischen Pompidou und einem Kommunisten, gäbe ich die Stimme dem Kommunisten."