Von Azio de Franciscis

Rom, im Mai

Mit der Ernennung des Franzosen Jean Villot zum päpstlichen Staatssekretär demonstriert Paul VI., daß die katholische Kirche nicht länger eine "römische" oder "italienische", sondern eine universale Kirche ist. Dieser Internationalisierung ist die römische Kurie, in deren unteren Rängen noch immer die Italiener in der Überzahl sind, nicht gewogen.

Kardinal Villot ist seit über einem halben Jahrhundert der erste nicht-italienische "Ministerpräsident" der Kurie. Zum erstenmal ist das höchste Amt im Vatikan überdies einem relativ jungen – erst 64jährigen – Kirchenfürsten anvertraut, der nicht aus dem päpstlichen diplomatischen Dienst stammt, sondern aus der diözesanen Seelsorge kommt. Der Unmut darüber ist zumindest in einem Teil des Apparates, dem der neue Staatssekretär vorsteht, verbreitet.

Der neue Mann wird es auch aus anderen Gründen nicht leicht haben. Wird er sich mit dem selbstherrlichen und mächtigen 48jährigen Substituten im Staatssekretariat, Monsignore Benelli, vertragen? Kardinal Villot ist, da er über keine politisch-diplomatische Erfahrung verfügt, zunächst auf die Hilfe Benellis und auf den 25köpfigen, fast ganz aus Italienern bestehenden Stab angewiesen.

Die Stellung des Staatssekretärs ist – nach der Kurienreform des Papstes vom August 1967 – erheblich verstärkt worden. Er steht heute auf der obersten Stufe der Hierarchie und hat – ähnlich wie ein weltlicher Premierminister – die Tätigkeit der acht Kongregationen (Ministerien) zu koordinieren.

Daß der Papst einen Franzosen zu seinem engsten Mitarbeiter gewählt hat, wird in Rom als ein weiteres Zeichen für seine frankophile Haltung angesehen. Mit Pius XII. ging das "deutsche" Zeitalter im Vatikan zu Ende, mit Paul VI. sei, so heißt es, das "französische" angebrochen. Der aus der Lombardei stammende Montini fühlte sich schon immer von der französischen Kultur angezogen. Allerdings ist es nicht nur die französische Geistigkeit, die ihn besticht, sondern auch die Art, wie der französische Episkopat und sein Klerus die modernen Probleme zu meistern sucht. So kommt es, daß die französische Kirche eine Art Eskalation in der römischen Kurie bewirkt hat, die von den Italienern mit Sorge beobachtet wird: der Franzose Tisserant ist Dekan des Kardinalskollegiums; Kardinal Garrone ist Präfekt der Kongregation für das katholische Erziehungswesen; Bischof Martin ist Präfekt des apostolischen Palastes, also Chef des päpstlichen Hofstaates; der jüngst zum Kardinal erhobene Jesuitenpater Daniélou soll Präsident der zentralen Theologenkommission werden.