Die "Preisangleichung im Gleichschritt wollten wir nicht – nun wird die Aufwertung unvermeidlich

Hans-Günther Sohl und Kurt Birrenbach kommen wohl zu spät. Ihre aus Anlaß der Thyssen-Hauptversammlung ausgesprochene Warnung, eine neue Aufwertung der Mark müßte die exportorientierte deutsche Wirtschaft "in hohem Maß schädigen", wird ungehört verhallen. Die Emissäre Karl Schillers haben bereits in Washington, Paris und anderswo verhandelt – die Neufestsetzung des Wechselkurses der Mark ist so gut wie beschlossen. Nur über den Termin und den Satz (mindestens sieben, höchstens zehn, wahrscheinlich acht Prozent) herrscht noch nicht endgültig Klarheit.

Die Propagandisten der Aufwertung, von der Bundesbank bis zur Frankfurter Allgemeinen, vom Sparkassenverband bis zum Spiegel, versuchen uns seit Wochen einzureden, die Änderung des Wechselkurses der Mark sei im eigenen Interesse dringend notwendig, ja längst überfällig. Wenn wir ihnen glauben wollten, dann müßte der Tag X ein Freudentag für die deutsche Wirtschaft sein. Leider sieht die Wirklichkeit etwas anders aus.

Gewiß hat eine Aufwertung auch Vorteile – Reisen ins Ausland werden billiger, französischer Cognac und italienische Autos auch. Aber das alles, wiegt gering, gegenüber der Belastung, die die Änderung des Wechselkurses für unseren Export bedeutet. Eine Aufwertung um acht Prozent (bei gleichzeitigem Wegfall der Exportsteuer von vier Prozent) würde bedeuten: die deutsche Industrie muß entweder ihre Preise auf den ausländischen Märkten zum zweitenmal seit November um vier Prozent heraufsetzen oder entsprechende Erlösminderungen hinnehmen. Gleichzeitig wird sie sich im Inland schärferem Konkurrenzdruck ausgesetzt sehen – weil die ausländischen Erzeuger billiger anbieten, können. Und wenn noch dazu Paris den Franc im gleichen Ausmaß abwertet, wird gegenüber unserem wichtigsten Handelspartner das Wettbewerbsverhältnis noch viel ungünstiger.

Wer wird auch schon glauben, daß alle Welt eine Aufwertung der Mark herbeisehnt, weil der gegenwärtige Zustand der Bundesrepublik Nachteile bringt? So beliebt sind die Deutschen nicht, daß man sich ihren Kopf zerbricht. Nein, wir können getrost davon ausgehen, daß Paris, London und Washington an den eigenen Vorteil denken an die Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Konkurrenz auf dem Weltmarkt.

Mag sein, daß die deutsche Industrie den Schock der Aufwertung leidlich übersteht – wenn die Gewerkschaften ihre bisher so maßvolle Lohnpolitik fortsetzen, wenn Bonn und die Bundesbank mit einem neuen Investitionshaushalt die Konjunktur stützen. Laute Klagelieder anzustimmen, stünde den Unternehmern sowieso schlecht an. Die Aufwertung ist doch nur die Konsequenz einer Wirtschaftspolitik, die die sogenannte Stabilität zum Fetisch erhoben hat – und dies haben Schiller und Strauß unter dem Beifall fast aller, auch der Unternehmer, getan. Wenn wir den Weg der Preisangleichung im Gleichschritt mit unseren Partnern, hierzulande unsinnigerweise "Inflation" genannt, nicht gehen wollen, dann bleibt am Ende nur die Änderung des Wechselkurses. Nun werden wir den Preis bezahlen müssen. Diether Stolze