München

Wenn man sich erst mal einen Namen gemacht hat, dann kommt man bestimmt leichter voran; darum mache ich hier mit" – erzählt die hübsche 21jährige mit den Schneewittchenhaaren. Der Name, der ihr vorwärtshelfen soll, ist: Miß Germany – sie bekam ihn.

Sie kommt aus einer bürgerlichen Familie und will sich – "eigentlich" – auf einen bürgerlichen Beruf vorbereiten. Sie studiert Betriebswirtschaft im zweiten Semester. Zur Aufbesserung ihres Taschengeldes führte sie im Kaufhaus Kleider vor, das machte ihr Spaß, denn sie mochte es, wenn die Leute applaudierten. Jemand ermunterte sie dann, an einer Schönheitskonkurrenz teilzunehmen, und das gefiel ihr noch mehr, weil sie dort nicht nur Applaus, sondern auch einen Titel bekam. Da sie ein vernünftiges Mädchen ist, hat sie deswegen nicht gleich den Boden unter den Füßen verloren. Aber ihre Gedanken kreisen nicht mehr nur in realen Bahnen; ihre Zukunftsvorstellungen haben sich gespalten. Sie hat begonnen, den Traum vom anderen Leben zu träumen, vom angeblich großen Leben als bekanntes Mannequin oder Photomodell, als eine berühmte Schauspielerin. Sie möchte in Ruhm, Glamour und Geld schwimmen, den Miß-Titel als Fahrtenschwimmerzeugnis im Schminkkoffer.

Jahr um Jahr werden Miß-Würden ohne Zahl zu großen und kleinen Preisen verteilt, Jahr um Jahr werden unzähligen Mädchen Schärpen umgebunden und Krönchen aufgesetzt – Lächeln, Tränen, Photoblitze. Kaum ein Kurort ohne Schönheitskonkurrenz – Miß Westerland, Miß Mitternachtsbad (Juan les Pins), Miß 35 Grad im Schatten (Cesenatico). In Bad Kissingen wählt man eine Rosenkönigin, in Japan eine Perlenprinzessin, der Berliner Barbesitzer Rolf Eden läßt seine Gäste alljährlich zu den Berliner Filmfestspielen eine Miß Festival küren. Es gibt die Miß Touristik und die Miß Mannequin, die Miß Pullover und die Miß Automobil. Wer fragt noch danach? Eine Miß jedoch scheint noch nicht irgendeine zu sein: Miß Germany. Dem Titel haftet Offizielles an, seine Trägerinnen müssen "Termine wahrnehmen", "im Jet" fliegen, "in den besten Hotels" schlafen, sie lernen "viele interessante Leute kennen" und haben "Repräsentationspflichten".

Und wer wird repräsentiert?

Bei den Wahlen zur Miß Universum, dem begehrtesten Titel dieses Genres, repräsentiert Miß Germany die Bundesrepublik (die Nächstschönsten aus der Miß-Germany-Konkurrenz können sich zur Miß Europa, Miß World und Miß International emporlächeln); ansonsten aber repräsentiert sie ein Jahr lang ausschließlich die Strumpffirma Opal.

Die Miß-Germany-Wahl nämlich gehört zu Opal wie die Postkutsche zu Mouson, niemand anders darf sie veranstalten. Und für ihre Firma reist das Fräulein von Stadt zu Stadt, von Kaufhaus zu Kaufhaus und gibt Autogramme. Wie oft die Vorjahrs-Miß, Lilian Atterer, ihren Namenszug unter Photos gesetzt hat, kann sie auch nicht annähernd sagen. "Ich beneide die nächste Miß jedenfalls nicht", sagt sie. Es klingt ein bißchen nach sauren Trauben. Für die Ex-Miß mit dem großen Haarteil auf dem Hinterkopf und der dicken Schminkschicht auf dem Gesicht hat das Autogrammegeben jetzt ein Ende. Was sie nun tun wird, weiß sie noch nicht. Sie hat zwar "viele verlockende Angebote", andererseits ist da aber auch noch ihr Musikstudium, das sie für die Miß-Monate unterbrochen hatte – vielleicht wird sie "doch noch Sängerin", meint sie vage.