Stuttgart

In und um Stuttgart macht die Luftfahrtdie Luft unsicher. Alle wollen fliegen, aber keiner will die Flugzeuge haben. Seit Monaten entwickeln die Schwaben eine Lärmempfindlichkeit, die dem Stuttgarter Oberbürgermeister und Vorsitzenden der Flughafen-Gesellschaft, Dr. Klett, mindestens genauso auf den Nerv geht wie der Düsenlärm der tags und nachts startenden Düsenmaschinen den Bürgermeistern der Bauerngemeinden rings um den Flughafen Stuttgart-Echterdingen. „Die treiben es noch so weit, daß denen alle Flugzeuge vor lauter Protest davonfliegen“, warnte indes ein Industrieller.

Besonders für die sehr stark exportorientierte Industrie und für die international verflochtenen Wirtschaftsunternehmen wie Bosch, Daimler-Benz und IBM ist der Stuttgarter Flughafen lebenswichtig. Für IBM soll sogar einer der Hauptgründe für den Neubau der Hauptverwaltung am Ortsrand der Schwabenmetropole die Nähe des Flughafens auf der Gemarkung Echterdingen gewesen sein. Die Stuttgarter Industrie- und Handelskammer hat darauf hingewiesen: Die außergewöhnlich starke Zunahme im Personen- und Gütertransport der Fluglinien von Stuttgart aus beweist, daß die Wirtschaft in dem relativ verkehrsungünstig gelegenen Südwesten immer stärker auf gute Luftverkehrsverbindungen angewiesen ist.

Deshalb nun soll der Flughafen ausgebaut werden, deshalb soll die vorhandene Landebahn auf 4000 Meter verlängert und daneben eine weitere mit etwa 2500 Meter Länge gebaut werden. Daß aus diesem Grund die Autobahn Karlsruhe–Ulm im Erweiterungsbereich des Flughafens verlegt oder unterirdisch geführt werden müßte, macht den Planern weniger Kummer. Unter der Landebahn läuft jetzt schon eine Straße hindurch; ähnliche Bauwerke wurden auch bei den Flughäfen in München und Salzburg erforderlich.

Viel schlimmer sind die Filderbauern. Sie drohen mit Schlepperdemonstrationen und Streik, wenn ihnen noch einmal etwa 700 Hektar Land, und zwar anerkanntermaßen guter Ackerboden, weggenommen werden soll. Das bedeute für sie der Ruin. Verstärkung erhielten sie durch jene „Häuslebauer“, die in den letzten Jahren aus dem Stuttgarter Talkessel herausgezogen sind und nun voller Siedlerstolz als Gemeindebürger von Bernhausen oder Echterdingen, von Leinfelden oder Musberg, von Neuhausen oder Sielmingen ihrer ländlichen Ruhe wegen auf die Barrikaden steigen. Sie wollen sich ihre Gesundheit nicht ruinieren lassen. Sie haben sich zu einer Schutzgemeinschaft gegen den Großflughafen zusammengeschlossen und zählen bereits an die 7000 Mitglieder.

Um nicht mit Dreschflegeln gegen Windmühlen kämpfen zu müssen, haben sie Lärmmessungen durchführen lassen. Ergebnis: Beim Start der zweistrahligen Caravelle in Echterdingen wurden 99 Dezibel, beim Start der vierstrahligen DC 8 wurden 95 Dezibel gemessen. Die Schmerzwelle ist bei 120 Dezibel erreicht. Also könnte man ja eventuell einen Schutzwall entlang dem Flughafen bauen, meinte die Flieger-Partei. Noch besser wäre es, man würde alles Geld für weitere Investitionen zum Bau eines Ausweichflughafens verwenden, sagen die Boden-Truppen.

Nachdem der Allerweltsflughafenexperte Professor Gerlach in einem Gutachten für die Stadt Stuttgart zu dem Ergebnis gekommen war, daß der Ausbau des Echterdinger Platzes am zweckmäßigsten sei, gaben die aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Bürger. der Stuttgarter Randgemeinden dem Landesplaner Professor Rossow den Auftrag, vier andere Standorte im 50-Kilometer-Umkreis als Landeplätze, zumindest für die Transkontinentalflüge und für den Güterverkehr einschließlich der Nachtpostflüge, zu untersuchen: ein Platz in der Nähe von Herrenberg, ein Platz im Kreis Vaihingen, ein Platz beim Truppenübungsplatz Münsingen und ein Platz im Schönbuch. Diesem werden deshalb die meisten Chancen gegeben, weil die dafür erforderlichen 500 Hektar alle im Besitz des Staates sind, allerdings 500 Hektar schönster Wald.