Fünfzig Jahre nach dem blutigen Scheitern der Münchner Räterepublik wird zum erstenmal ernst gemacht mit einem Plan, der schon damals in die Tat umgesetzt werden sollte: der Reform der deutschen Hochschule. Gustav Landauer, Kultusminister der 1. Räterepublik, der sich vorgenommen hatte, Geist und Proletariat miteinander zu versöhnen und alle Lebensbereiche der Gesellschaft zu "demokratisieren", hat im April 1919 in der einen Woche, die ihm zum Regieren blieb, den "Revolutionären Hochschulrat" der Münchner Universität bevollmächtigt, ein Aktionsprogramm zur "Revolutionierung der Hochschulen" auszuführen. Es wurde verfaßt von dem Germanisten und Romancier Professor F. A. Schmidt-Noerr.

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Zur Erneuerung der Hochschule aus dem Geist des Sozialismus fordert die Gruppe sozialistischer Akademiker folgende Übergangsmaßregeln, die bis zur Konstituierung der neuen Universitätsverfassung in Kraft bleiben sollen:

1. Jede revisionistische Flickarbeit bei der Reformierung des geltenden Universitätsrechtes ist grundsätzlich zu verwerfen; die Revolutionierung der Hochschulen, d. h. die Ersetzung der bisherigen Klassenuniversitäten durch Stätten wissenschaftlichen Volksbildung, wird gefordert.

2. Es ist an Stelle des bisherigen Senats ein revolutionärer Senat einzuberufen, der sich zusammensetzen soll: zu einem Drittel aus Studierenden der neuen Hochschule und zu zwei Dritteln aus schon ausgebildeten Akademikern, unter denen sich tunlichst auch ein Hochschullehrer von mindestens zehn Jahren Dienstzeit befinden möge.

3. Die Universität ist zu schließen; die Beauftragung des revolutionären Senats zur sofortigen Vorbereitung der neuen Hochschule hat zu erfolgen.

4. Die neue Hochschule ist in den Zusammenhang des Volksbildungssystems einzugliedern und mit besonderer Rücksicht auf den Unterbau der künftigen Einheitsschule zu gestalten. Um befähigte Proletarier und Bauern, denen die Vorkenntnisse zu fruchtbringendem Besuch mangeln, in die Voraussetzungen des wissenschaftlichen Studiums einzuführen, sind umgehend mit staatlichen Mitteln Übergangskurse ins Leben zu rufen.