"Hommage à Charles Münch" (Maurice Havels "Bolero – Rapsodie Espagnole – Daphnis et Cloe II – Klavierkonzert – Pavane" und Arthur Honeggers "Sinfonie Nr. 2"); Nicole Henriot-Schweizer (Klavier), Orchestre de Paris, Leitung: Charles Münch; Electrola SME 191795/6, 38,– DM (Subskription bis 30. 6. 1969).

Am 5. November 1968 starb Charles Münch, siebenundsiebzig Jahre alt, während einer Konzertreise mit dem Orchestre de Paris in Amerika, das Album enthält seinen musikalischen Nachlaß. Der aus Straßburg stammende Dirigent, Sohn eines Kirchenmusikdirektors, zunächst Geiger im Leipziger Gewandhausorchester, dann, 1932, Kapellmeister in Paris, seit 1935 musikalischer Leiter der Société Philharmonique, 1938 der Concerts du Conservatoire, 1949 Chef des Boston Symphony Orchestra, 1951 auch des berühmten Music Center in Tanglewood, Autor eines Bekenntnisbuches "Ich bin Dirigent", brachte auf das Podium die selten gewordene Mischung aus Liebenswürdigkeit und Intellekt, aus Musikantentum und kühler Rationalität. Er war kein Künstler mit einer Aura aus Klatsch und exaltierter Arroganz, er war auch nicht der sachliche Perfektionist, er liebte die Farbe, aber er fand auch die Strukturen, die frühe "französische" Moderne, Debussy, Ravel, Honegger, Milhaud waren seine Lieblinge. Sein Orchester "blüht", das "Lever du Jour" in der "Daphnis et Cloe"-Suite ist ein einziger Farbrausch, den "Bolero" steigert er nicht nur dynamisch, sondern auch im Tempo, schrittweise und allmählich. Es lohnt sich, Münch mit Ansermet einerseits und Boulez andererseits zu vergleichen, dann wird einem die narkotisierende Wirkung deutlich, die einmal Furore machte – und gegen die heute eine neue Musikergeneration so (vergeblich) Sturm läuft.

Heinz Josef Herbort