ARD, Donnerstag, 1. Mai: "Skizzen aus dem deutschen Alltag"

Überblicke ich die Sendereihen, aus denen ich etwas gelernt habe, suche mir die Fernsehsequenzen ins Gedächtnis zu rufen, die mir nicht bestätigten, was ich ohnehin wußte, sondern auf unbekannte Zonen vorausdeuteten... zähle ich noch einmal die wenigen Darbietungen auf, die zum Weiterdenken und Umlernen zwangen, dann fallen mir zunächst die Skizzen aus dem deutschen Alltag ein. Was die Poesie dem Leser nicht zeigt und die Soziologie noch nicht in exemplarischen Anamnesen veranschaulichen kann: die Gedanken des Mannes am Schaltpult und die Meditation eines Hauers vor Ort... in dieser Sendereihe, die durch eine phantasievolle Exaktheit bestimmt wird, gewinnt diese unsichtbare Zone mitsamt ihrer Sprache (Monologe am Arbeitsplatz) Anschaulichkeit.

Am 1. Mai präsentierten die Autoren Böhmer, Born und Pörtner Berichte über einen Fernfahrer, einen Börsenmakler und einen Leichenbestatter. Drei Filme, drei Stile: Born kommentierte ein Fernfahrer-Weekend, der Akzent seiner Studie lag auf der interpretierenden Illustration; Pörtner verband eigenwillige Beschreibungen der Börse mit dem Interview eines Maklers, konfrontierte die absurde Szenerie des Handelsplatzes, Fingergesten, popartige Schreie, laufende Damen, flatternde Tafelschriften, mit der geruhsamen Lebensbeschreibung eines sporttreibenden, hundeliebenden Maklers.

Lucas Maria Böhmer schließlich (Autor und Regisseur in einer Person) verfolgte mit seiner Kamera – welch einer Kamera! – den Vorarbeiter vom Städtischen Leichenfuhrwesen der Stadt Köln bei seinem Geschäft, begleitete den schwarzen Wagen, wenn es über Brücken, durch Friedhofstraßen und Kornfelder ging, war dabei, wenn die Männer fachgerecht und leise den Sargdeckel schlossen, das Kalkgesicht der alten Frau, betende Nonnen, aus den Fenstern glotzen die Nachbarn, fing Blicke von Passanten ein – schaut weg, da kommt der Totenmann – und ließ ihn reden, den Leichenbestatter, reden im Auto und reden am Sarg und reden abends am See, wenn er angelte, an der Seite der Frau, die sich an seine, des ehemaligen Metzgergesellen Beschäftigung mittlerweile gewöhnt hat, die aber voll Hochachtung sagt: "Mein Mann hat einen schweren Beruf."

Rede eines Kölner Leichenbestatters über sich selbst und seine Arbeit... das war ein kalter, bewegender und präziser, ein Ich und eine Gesellschaft von der Peripherie her entlarvender Monolog in rheinischer Mundart, die Beschwörung des Todes aus dem Mund eines Mannes, der Bescheid wußte: Vierzig Mark werden ausgeworfen, wenn einer stirbt, das sind für jeden von uns pro Stück zwei Mark... wer uns zusieht, soll denken: das sind Fachleute, die mit der Leiche... waagerecht geht der Tote mit dem Sarg die Treppe herunter, so will das der Chef... wir müssen auch im Sommer Krawatten tragen, Trinkgeld gibts wenig, wenn wir schon mal eine Privatleiche haben... Wenn jemand stirbt, der so alt ist wie ich, dann denk ich... wir sind alle Leute in männlichem Alter, das ist nichts für die jungen... die Pfarrer sollen mir wegbleiben mit der Auferstehung des Leibes... ich kenn mich aus... ein Stück stinkendes Fleisch ist der Mensch.

Am Morgen des 1. Mai hörte man Phrasen, zum Tagesausklang in einem grandiosen Film eine gewaltige, eine ergreifende Rede. Hut ab vor Lucas Maria Böhmer, Hut ab vor dem Leichenbestatter aus Köln. Momos