Von Theodor Hoeßlin

An der Ostseeküste Schleswig-Holsteins sprießen in diesem Jahr die Baustellen wie Pickel im Gesicht eines pubertären Jünglings. Am Fremdenverkehr zu Kurorten gereift, stürzen sich die einstigen Fischerdörfer und -städtchen jetzt in aufwendige Unternehmungen und Unkosten, um noch mehr Besucher anzuziehen. Idyllische Fleckchen, die schon vor Jahren ihre romantische Unschuld verloren haben, verzichten jetzt auch bewußt auf die Verheißung von Einsamkeit und Stille, die vielerorts schon längst zur frommen. Lüge wurde.

Wohl zur rechten Zeit kam die Erkenntnis, daß fehlender Komfort nicht Stille und schlechter Strand nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit ist. Dort aber, wo sich Tausende von Erholungssuchenden in den wenigen Sommerwochen drängen, ist es zweifellos nur klug, moderne Zimmer, gepflegten und durch Sandanspülung erweiterten Strand, Schwimmbäder und viele Einrichtungen der Unterhaltung zu bieten.

Der von manchen beamteten Verwaltern des Erholungslandes warnend erhobene Zeigefinger ("Wir wollen keine Fremdenverkehrsindustrie!") stößt sich an harten Zahlen wund. Der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein ist bereits Industrie. 1967 zum Beispiel wurden beim Schiffsbau in diesem Land 802 Millionen Mark umgesetzt, die Fremdenverkehrswirtschaft erzielte im gleichen Zeitraum 1,2 Milliarden Mark. Die Zahl der Übernachtungen ging 1968 in fast allen Bundesländern zurück. Erfolgreichen Zuwachs verzeichneten nur Bayern, Niedersachsen und mit der höchsten Rate (6,8 Prozent) Schleswig-Holstein.

Utopisch sind die Bemühungen und Vorhaben in den bisher noch wenig bekannten Ostseebädern vor diesem Hintergrund der harten Fakten also sicher nicht zu nennen, wenn auch die Millionen Mark, die im Augenblick nur so herumzuschwirren scheinen, noch nicht auf dem Tisch liegen. Die Gemeinden wollen in den nächsten zwei bis drei Jahren über 100 Millionen Mark in den Ausbau ihrer Fremdenverkehrseinrichtungen investieren, dazu kommen die Vorhaben privater Finanzierungsgruppen, die in Hotels, Ferienbungalows, -appartements und Fremdenzimmern, sowie dazugehörigen Einrichtungen mehr als eine halbe Milliarde anzulegen planen. Ministerialräte im Landeswirtschaftsministerium scheinen beunruhigt von diesem Vulkanausbruch an privater Initiative und gemeindlicher Egozentrik ("Jedes Dorf will plötzlich seine Nachbarn, überflügeln." und sprechen von einer möglicherweise drohenden Überkapazität. Gerade die aber wird es ganz gewiß nicht geben. Zumindest nicht in dem Sinne, daß zuviel Gleichwertiges angeboten würde.

In kurzer Zeit werden sich die Preise eingependelt haben, und die Zimmer, die wegen zu hoher Preise oder zu geringem Komfort nicht mehr vermietet werden können, werden aus dem Angebot verschwinden. Eine in Einzelfällen sicher recht ungemütliche Entwicklung, die aber dem Urlauber und damit dem Fremdenverkehr Schleswig-Holsteins nützt, der im internationalen Konkurrenzkampf um den deutschen Feriengast bestehen will.

Es ist nicht einleuchtend, daß nach ministerieller Entscheidung nur einige Schwerpunkte zugelassen werden und die anderen Dörfer sich vorerst bescheiden sollen. Einmal, weil für alle Gemeinden gleiches Recht gelten sollte, gleichgültig ob ihr Aufbauwille durch einen Wink der interessierten Landesherren oder durch das Interesse einer privaten Gesellschaft geweckt wurde. Außerdem aber kommt es normalerweise einem ganzen Landstrich (in diesem Fall Küstenstrich) zugute, wenn sich herumspricht, daß ein Urlaub mit Komfort nicht nur in A, sondern auch in B verbracht werden kann.