Von Hansjakob Stehle

Wien, im Mai

Ein seltsamer Kontrast: das Kaiser-Franz-Joseph-Porträt auf der Seidentapete im roten Salon des Wiener Sacher-Hotels und darunter, blaß und im khakifarbenen Hemd, der einstige Revolutionär, Partisan, Vizepräsident und politische Häftling Jugoslawiens – Milovan Djilas. Mit seiner Frau flog er am letzten Wochenende auf Einladung seines Verlegers Fritz Molden nach Österreich, dann wird er nach Rom reisen – und wieder zurück nach Belgrad. Der Paß, den er in der Tasche trägt, gilt zwei Jahre für beliebige Ein- und Ausreisen.

Dem achtundfünfzigjährigen Staatspensionär (Rente: etwa 1000 Mark) wurde schon zweimal der Prozeß gemacht, als er durch seine Bücher "Die neue Klasse" und "Gespräche mit Stalin" Titos Zorn herausforderte. Nun erschien, trotz Schreibverbot, in Amerika "Die unvollkommene Gesellschaft" (siehe die vorige Ausgabe der ZEIT). Dennoch widmete der Beamte der Belgrader Paßkontrolle dem Reisenden mit dem Handkoffer, der einst zweiter Mann im Staate war, nur ein aufmerksames Lächeln.

Wie es zu erklären sei, frage ich Djilas, daß er das erstemal nach einem so kritischen Buch über die kommunistische Gesellschaft nicht im Gefängnis, sondern im westlichen Ausland gelandet ist. "Glauben Sie, daß man in Belgrad nichts gegen das Buch einzuwenden hatte?"

Djilas Stimme, in einem gutturalen Englisch, klingt sanft, bedächtig: "Ich glaube, daß die jugoslawischen Funktionäre das Buch kritisch beurteilen – nicht alle, aber viele. Andererseits scheint mir, daß ihre Einwände nicht so beschaffen sind, daß sie administrative Maßnahmen gegen mich einleiten, mir den Paß abnehmen oder mich einsperren wollen. Die innere Entwicklung Jugoslawiens bewegt sich immer mehr in liberaler Richtung. Außerdem hat sich die außenpolitische Lage des Landes nach der sowjetischen Intervention in der ČSSR verändert. Wirtschaftlich modernisiert sich Jugoslawien sehr schnell, in enger Verbindung mit westlichen Formen ökonomischer Efficiency."

"Hat das, meinen Sie, auch die Einstellung zu Ihnen verändert?"