Pompidou über Europa und den britischen EWG-Beitritt am 13. Februar 1969 in Genf

Man spricht viel von Europa, und seit zwanzig Jahren streiten sich die Regierungen über die Konzeption Europas, über seine geographischen Grenzen, über seine äußeren Bindungen, über seine möglichen Institutionen ... Aber mehr als ein wirtschaftliches Europa der Sechs, Sieben oder Dreizehn, mehr als ein politisches Europa, dessen Konturen man noch ebensowenig klar sieht wie seine Haltung gegenüber den bestehenden Blöcken (von denen wir sagen müssen, daß wenigstens der Osten beabsichtigt, den seinen um jeden Preis fugenlos beisammen zu halten), scheint mir ein anderes Europa nötig zu sein, das ich das Europa des Geistes nennen will ...

In einem Wort: was not tut, ist, daß unsere Völker, unsere Führer, unsere Intellektuellen, unsere Philosophen, unsere Kirchen in der Freiheit des Gedankens und der Phantasie, aber auch in Treue zu einigen unerläßlichen moralischen und sozialen Begriffen, eine moderne Konzeption des Lebens und der Zivilisation erarbeiten...

Wir brauchen eine Renaissance, aus der die Prinzipien und die Regeln sowohl des individuellen Lebens und der gesellschaftlichen Beziehungen erneuert hervorgehen...

Die erste Renaissance war europäisch, die neue sollte es sein. Alles in allem sollte Europa von daher entstehen und in dieser Richtung eine bestimmte Rolle spielen... Was Frankreich anbetrifft – welch’ ehrgeizigere, welch’ edlere Zukunft könnte es sich versprechen als zu versuchen, ein Beispiel zu geben und bei sich die große Bewegung des Gedankens und der Reform in Gang zu setzen, die zu dieser Renaissance führen wird?

(Über eine Erweiterung der Sechsergemeinschaft um Großbritannien) Das ist eine andere Sache. Wir sind nicht dagegen, aber wir wollen das Bestehende nicht um täuschender Lösungen willen zerstören.

Pompidou am 18. April 1969 in Paris