Von Karl-Heinz Janßen

Die Amerikaner werden den Krieg in Vietnam weiter de-eskalieren. Der Beginn ihres Truppenabzugs ist nur noch eine Frage des Termins. In naher oder fernerer Zukunft wird eine Division das Land verlassen; das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Nicht nur der nordvietnamesische Ministerpräsident Pham Van Dong hat die De-Eskalation als unabänderliche Notwendigkeit vorhergesagt, auch sein Gegenspieler in Saigon, Präsident Thieu, rechnet fest damit, mehr noch: er wünscht sogar den Rückzug der Verbündeten, wenn auch nur einen teilweisen. Er braucht diesen symbolischen Akt aus innerpolitischen Gründen, um seine angeblich wachsende Unabhängigkeit von Amerika und die Zuverlässigkeit seiner Armee zu demonstrieren.

Die Regierung Nixon macht den Abzug ihres Expeditionskorps aus Südvietnam – eine der Minimalforderungen des Gegners – davon abhängig, daß eine von drei Bedingungen erfüllt ist: entweder ein Abflauen der Kämpfe (die Raketenoffensive der Befreiungsfront ist bereits abgeklungen) oder eine erhöhte Kampfstärke der südvietnamesischen Armee (die auf dem Papier leicht nachzuweisen wäre) oder eine Einigung der Pariser Delegationen über einen wechselseitigen Abzug.

Zumindest die beiden ersten Bedingungen sind so formuliert, daß sie Nixon schon jetzt erlauben, den ersten Schritt zu tun, auch wenn es tatsächlich ein einseitiger Rückzug wäre. Er wird nicht davor zurückscheuen, wenn er vor den Kritikern seiner Vietnam-Politik ein Alibi braucht. Viel Zeit hat er nicht mehr. Das Volk, des blutigen und kostspieligen Krieges müde, erwartet deutliche Zeichen des nahenden Friedens.

Ho Tschi Minh hingegen kann mit einiger Gelassenheit abwarten, wie weit Nixon ihm noch entgegenkommen will. Bisher hat er wenig getan, den Amerikanern goldene Brücken für einen beschleunigten Rückzug zu bauen. Schon vor vier Jahren meinte er: "Die Tür ist wirklich offen, und sie können hinausschlüpfen, wann sie wollen. Wenn sie sich, einmal dazu entschlossen haben, werden wir alles tun, um ihnen zu helfen."

Vielleicht ist dieser Zeitpunkt nun greifbar nahe. In Paris steht eine neue Phase der Friedensgespräche bevor. Die drei vietnamesischen Delegationen haben sich neue Instruktionen geholt; die Verhandlungspositionen sind nicht mehr so starr. Mit einem Male ist die Befreiungsfront zu Diskussionen mit den Vertretern Saigons bereit, und die Amerikaner wollen jetzt doch über politische und militärische Fragen gleichzeitig verhandeln. In diesem veränderten Klima könnte ein Abkommen gedeihen, in das sich der (zunächst symbolisch gemeinte) Rückzug einer amerikanischen Division als erste Etappe einer Friedensregelung einpaßte. Optimisten behaupten sogar, hinter den Kulissen sei das Friedenswerk bereits viel weiter gediehen, als man gemeinhin annimmt.