Von Marcel Reich-Ranicki

Die Fairneß erfordert es, mit zwei Feststellungen zu beginnen. Erstens: Dieter Wellershoff ist ein ernster und ein fähiger Mann, ein Verlagslektor, Herausgeber und Essayist, dem allerlei Verdienste nachzurühmen sind. Sie bleiben, versteht sich, von dem Urteil über seinen neuen Roman ganz und gar unberührt. Und zweitens soll keineswegs verheimlicht werden, daß sich einige Rezensenten zu diesem Roman respektvoll und auch entschieden positiv geäußert haben.

Wellershoffs kreative Begabung ist am deutlichsten in einigen Hörspielen erkennbar, die aus der Zeit um 1960 stammen. Sein erster Roman – "Ein schöner Tag" (1966) – hat mich nicht überzeugt. Er schien mir ein sorgfältig geschriebenes und auch sympathisches, aber nicht eben aufregendes Buch, recht brav und ordentlich, aber auch ziemlich trocken und zäh.

Der "Schöne Tag" wurde damals von der Kritik zwiespältig aufgenommen: teils freundlich, teils skeptisch. Doch gehörte dieser Roman zu den vielen Gegenständen des literarischen Alltags, deren eventuelle Überschätzung oder Unterschätzung – sofern sich diese in vernünftigen Grenzen halten – schon deshalb unerheblich ist, weil sich das Ganze eigentlich auch ignorieren ließe. Für das jetzt erschienene Buch –

Dieter Wellershoff: "Die Schattengrenze", Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 241 S., brosch. 10,– DM, Ln. 18,– DM

gilt das nicht mehr: Es ist zu schlecht, als daß es ignoriert werden könnte.

Wie also? Hätten wir es mit einem exzeptionellen Tiefpunkt der zeitgenössischen deutschen Prosa zu tun? Natürlich werden in der Bundesrepublik laufend noch ungleich schlechtere Romane veröffentlicht. Nur daß sich hier das fade und penetrant Mediokre höchst anspruchsvoll gibt, daß es so preziös und feierlich daherkommt.