Frank darf nicht fragen – Seite 1

Frank ist ratlos. Er hat die Hausaufgabe nicht begriffen. Er weiß nicht, was er eigentlich machen soll. Brütend sitzt er daheim vor seinem Heft, und nun soll die Mutter ihm helfen. – Aber: "Wie soll ich denn wissen, was die Lehrerin euch aufgegeben hat?" Durch Fragen versucht sie herauszubekommen, was die Lehrerin gemeint haben könnte. Nach einigem Hin und Her gelingt ihr das auch. Aber zurück bleibt das Grundproblem, nämlich warum Frank sich nicht bei Fräulein B. gemeldet hatte, damit sie ihm die Aufgabe noch einmal erkläre.

"Weil das nicht geht", sagt Frank. – Warum nicht? – "Weil man eben nicht fragen kann." Es sei denn, die Lehrerin will ausdrücklich wissen, wer es noch nicht verstanden hat.

Aber nicht nur wenn es um die Schularbeiten geht, läßt Frank das Fragen bleiben. Lieber schleppt er ein paar Bücher zuviel in die Schule, anstatt vorher zu fragen, welches Buch er morgen zu Hause lassen könnte. Auch wenn ihn irgend etwas besonders interessiert, macht er den Mund nicht auf, sondern wartet geduldig auf die Erklärungen der Lehrerin. Wird seine Neugier nicht befriedigt, dann hat er eben Pech gehabt.

Frank ist neun Jahre, sitzt im vierten Schuljahr und hat gelernt, daß Fragen unerwünscht sind.

Da ist zwar der Höhenunterschied zwischen Lehrern und Schülern abgebaut worden: Es gibt kein Katheder mehr; ein Vertrauensverhältnis aber, bei dem der Schüler nicht nur dann den Finger hebt, wenn der Lehrer gefragt hat, ist deswegen noch nicht entstanden.

Spricht man mit Lehrern darüber, so hört man, daß die hohen Klassenfrequenzen eine demokratische Unterrichtsform unmöglich machen. Man würde das Pensum nicht schaffen, sagen sie, wenn die Kinder wahllos drauflos fragten. Fragen stören die Ordnung. Und was wird wichtiger genommen, als gerade sie? – Auch in vielen Familien gilt ja noch der alte Leitsatz "Kinder haben nur zu reden, wenn sie gefragt werden".

Nicht überall jedoch bangt man so sehr um die Ordnung. In den angelsächsischen Ländern meint man vielmehr, daß nur jene etwas lernen, die neugierig sind und keine Scheu vor dem Fragen haben. Da läßt man diese Scheu bei den Schulanfängern gar nicht erst aufkommen – im Gegenteil, man regt die Kinder an mitzumachen, mitzufragen, mitzureden und also auch mitzudenken. Bei uns aber lernen die Kinder, daß Fragen etwas ist, "das nicht geht". Wer fragt, der stört und ist vorlaut.

Frank darf nicht fragen – Seite 2

So gut wird das unseren Kindern eingeprägt, daß sie sich bald nicht mehr nur vor dem Lehrer genieren, sondern auch vor der Klasse. Jacquelyn, acht Jahre alte Tochter amerikanischer Eltern, die seit einem Jahr auf eine Münchener Volksschule geht, wurde solange von ihren Mitschülern wegen ihrer "ewigen Fragerei" gehänselt (und von den Lehrern getadelt), bis sie sich der herrschenden Ordnung anpaßte, was in ihrem Fall bedeutete, daß sie sich nicht mehr am Unterricht beteiligte. Die Zensuren, sagen die Eltern erbost, seien entsprechend: nämlich schlecht.

Die Erziehung zum Nicht-Fragen in der Schule hat offenbar eine lang anhaltende Wirkung. Erlebt man doch auf Elternabenden die gleiche Absonderlichkeit: Eltern, die irgend etwas im Zusammenhang mit dem Unterricht wissen wollen, wenden sich nicht an den Lehrer, sondern fragen zunächst leise andere Eltern. Bekommen sie keine ausreichende Antwort, dann fassen sie sich beim Hinausgehen ein Herz und bitten den Pädagogen "ganz schnell noch" um eine Auskunft (die wahrscheinlich auch andere interessiert hätte). Es ist grotesk: Manchmal steht die halbe Elternversammlung vor der Klassentür Schlange, weil jeder noch rasch etwas wissen möchte. Das dauert zwar lange, ist den meisten aber augenscheinlich lieber, als coram publico die Stimme zu erheben.

Nur nicht laut fragen – es könnte stören!

Cornelia Jacobsen