So gut wird das unseren Kindern eingeprägt, daß sie sich bald nicht mehr nur vor dem Lehrer genieren, sondern auch vor der Klasse. Jacquelyn, acht Jahre alte Tochter amerikanischer Eltern, die seit einem Jahr auf eine Münchener Volksschule geht, wurde solange von ihren Mitschülern wegen ihrer "ewigen Fragerei" gehänselt (und von den Lehrern getadelt), bis sie sich der herrschenden Ordnung anpaßte, was in ihrem Fall bedeutete, daß sie sich nicht mehr am Unterricht beteiligte. Die Zensuren, sagen die Eltern erbost, seien entsprechend: nämlich schlecht.

Die Erziehung zum Nicht-Fragen in der Schule hat offenbar eine lang anhaltende Wirkung. Erlebt man doch auf Elternabenden die gleiche Absonderlichkeit: Eltern, die irgend etwas im Zusammenhang mit dem Unterricht wissen wollen, wenden sich nicht an den Lehrer, sondern fragen zunächst leise andere Eltern. Bekommen sie keine ausreichende Antwort, dann fassen sie sich beim Hinausgehen ein Herz und bitten den Pädagogen "ganz schnell noch" um eine Auskunft (die wahrscheinlich auch andere interessiert hätte). Es ist grotesk: Manchmal steht die halbe Elternversammlung vor der Klassentür Schlange, weil jeder noch rasch etwas wissen möchte. Das dauert zwar lange, ist den meisten aber augenscheinlich lieber, als coram publico die Stimme zu erheben.

Nur nicht laut fragen – es könnte stören!

Cornelia Jacobsen