Hamburg

Der Besenbinderhof hatte eine historische Stunde. Zwei Tage vor dem 1. Mai erinnerten sich fast fünfzig Pastoren in der Hamburger Gewerkschaftszentrale an das Wort von August Bebel: "Dies Gewerkschaftshaus ist die geistige Waffenschmiede der Hamburger Arbeiterschaft." Der damalige Reichstagsabgeordnete und "Arbeiterschmied" Bebel konnte 1906 in der Tat nicht ahnen, daß 63 Jahre später – zum erstenmal in der deutschen Gewerkschaftsbewegung – auch Theologen eine eigene Fachsparte aus der Taufe heben. Pate stand dabei in der letzten Woche die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) – doch der Segen der Landeskirchen Schleswig-Holstein, Hannover und Hamburg blieb bislang aus.

Für die organisierten Pfarrer war die Gründungsversammlung kein Schritt aus dem Schoß der Kirche in gesellschaftliches Neuland. Die meisten von ihnen gehörten bereits einer der sechzehn Einzelgewerkschaften im DGB an. Dort beachtete man ihr Engagement zwar wohlwollend, als "echte Gewerkschafter" hingegen galten sie. kaum. "Meine Mitgliedschaft", so gibt einer der geistlichen Herren zu bedenken, "meine Mitgliedschaft in der IG Metall konnte ich als Pastor nur schwer begründen. Oder glauben Sie vielleicht, daß der Hinweis auf metallene Kirchenglocken den Arbeitern als Antwort genügt?" Nicht Glocke noch Glaube überzeugte die Metaller von ihren Gewerkschaftsgeistlichen, den Schritt zur ÖTV jedoch respektieren sie.

Doch bei der Verbindung des kirchlichen Auftrags mit der gewerkschaftlichen Interessenvertretung gegenüber dem Arbeitgeber Kirche ergeben sich für die Hamburger Theologen noch manche Schwierigkeiten. Und Waldemar Wilken, hanseatischer Pastor für Öffentlichkeitsarbeit und einer der ersten kritischen Gegner der ÖTV-Theologen, glaubt, die wunde Stelle seiner engagierten Kollegen gefunden zu haben. "Neutralität", so philosophiert er, "steht den Theologen besser zu Gesicht als einseitige gesellschaftliche Bindung." Er befürchtet, daß sich die Abneigung vieler Bürger gegen Gewerkschaften nun auf die Kirche übertragen könnte. Pastor Wilken, der in der Hansestadt für die besten Kirchensteuerzahler Informationsfahrten zu kircheneigenen sozialen Einrichtungen und Kirchenneubauten organisiert, um den zahlungskräftigen Mitgliedern zu zeigen, wie ihre Steuergelder verwendet werden, bangt um die finanzstarken Gemeindemitglieder. Er wettert gegen die "Solidarisierung der Welt", malt die Gefahr eines Pastorenstreiks in düsteren Farben aus und sieht bereits die Forderung nach der 40-Stunden-Woche: "Zum Schluß kommen die Pastoren und wollen, Gott sei’s geklagt, auch noch ein freies Wochenende."

Um einige Grade differenzierter weist der Rahlstedter Gemeindepfarrer Hans Mohn derartige Kritik zurück. Pastor Mohn war lange Zeit Industriepfarrer in Hamburg. Er gehört zum neugewählten Vorstand der ÖTV-Theologen. Ihm geht es weder um Streik noch um Arbeitszeitverkürzung. Auch als gewerkschaftlich organisierter Pastor ist es für ihn selbstverständlich, daß vierundzwanzig Stunden am Tag seiner Gemeinde gehören. Er vertauscht die Bibel nicht gegen die Gewerkschaftssatzung. Nur: "Mit Flugblättern und Provokationen von der Kanzel herab gewinnt man als Pastor keinen Blumenpott. Glauben praktizieren – das zu verdeutlichen ist heute unsere vordringliche theologische Aufgabe. Da kann man nicht ‚Neutralität‘ spielen."

Pastor Mohn muß nicht lange überlegen, wenn er auf die Rolle der Gewerkschaften zu sprechen kommt. "Wir machen daraus keine Ideologie. Aber ohne Gewerkschaften ist eine demokratische Gesellschaftsstruktur bei uns in der Bundesrepublik nicht denkbar. In einer pluralistischen Welt muß es Gegenmächte zu jenen Gruppen geben, die Macht verwalten."

Macht aber verwalten seiner Ansicht nach auch die Kirchen. Und Macht, da gibt es unter den kritischen Pastoren keinen Zweifel, muß sich legitimieren – auch wenn sie scheinbar gottgewollt ist. "Die Bibel paßt zum Grundgesetz besser als zum derzeitigen Pfarrergesetz", bekennt dazu ein angehender Theologe. "Die Rechtlosigkeit der Vikare schreit geradezu zum Himmel. Jeder Lehrling hat seinen Lehrvertrag, ein kritischer Vikar hingegen kann nicht einmal einen Anstellungsvertrag sein eigen nennen. Er muß sogar um eine Ordination bangen, auch wenn er jahrelang seine Predigten zur Zensur vorgelegt hat."