In der Brunnenhalle, die wie eine riesige römische Basilika ersonnen wurde, erheben sich die Kurgäste jeden Morgen von den Bänken, nehmen Front zur Kurkapelle: Der morgendliche Choral wird gespielt, der um acht Uhr jeder Musik vorausgeht. Es sieht aus, als würden die Kissinger Kurgäste von 1969 auch ebenso aufstehen, die Hüte ziehen, Front machen, käme eine Kaiserin oder ein Kaiser zum Rakoczy-Sprudel: Das Weltbad von einst erinnert an vieles. Die Kurbauten gehören entweder zum Münchner Leopoldstraßen-Klassizismus oder zum Jugendstil, der zukünftig noch wertvoller werden dürfte. Und alles ist so breit und prachtvoll angelegt, daß man glauben könnte, das Bad werde nie seine Vergangenheit verwinden, die es so großzügig bedachte.

Aber dort, wo sich einst das alte Salinenbad befand, in dem Bismarck seine Wanne stehen hatte, ist die Leberklinik von Professor Kalk entstanden, und eine Forschungsstelle für Balneologie wurde einem jugoslawischen Fachmann übertragen, der neue Horizonte für Trink- und Badekur wissenschaftlich anpeilt.

In den vielen Sanatorien und Pensionen haben die Versicherungsanstalten ihr strenges Kurreglement aufgezogen; aber unter den Versicherten ist längst der Mittelstandswagen, mit dem man anreist, einer unter vielen geworden. Auch im "dicken" Wagen fährt man zur Kur, und die schönen’ Läden sehen aus, als wüßten sie, daß mancher, der hier seine Kur macht, die Scheine in der Brieftasche locker liegen hat, denn die Versicherungsanstalt zahlt die Kur, und nun bleibt einiges übrig für Perserteppiche, die hier üppig ausliegen, oder für Schmuck.

Nachts halten die Kurschranken den Autolärm fern. Die Spielbank ist weit abgesetzt von den Pensionen über der fränkischen Saale. Dorthin fährt man ungern mit dem Wagen, man möchte seine Nummer dort nicht zeigen. Das wittelsbachische Bauwerk ist 1968 prachtvoll wiedererstanden in der Inneneinrichtung; Spielbanken sind heute wie Mäzene, die alte Bauwerke fürstlich renovieren. Das Badepublikum, so wird gerechnet, braucht diese Stimulanz. Eine Snackbar ist ganz demokratisch ins fürstliche Gepränge gebaut worden, dort ißt der Spieler zwischen zwei Spielen seinen Sandwich, spült das Pils hinunter.

Im Kurhaus-Hotel, dem feinsten im Bad, ist die Kellnerschar noch rein deutsch, die Küche vorzüglich, die Repräsentation stilvoll. Hier trifft man sich, in der Mitte zwischen Norddeutschland und Süddeutschland, in der Familie, oder man besucht die Verwandten, die Kur machen. Es hat sich die Kissinger Badeatmosphäre erhalten, jenes Hofhalten auch des Bürgers am Kurort im feinen Hotel, das sich nichts einbildet auf seine Würde.

Die Abende gehören den fränkischen Wein- und Bierstuben, dem Geschwätz beim Frankenwein, dessen Lagen nicht weit entfernt zu finden sind, dem Konsum bayerischen Biers und der Suche nach Gesprächspartnern. Was man tagsüber versäumt hat, wird abends in wenigen Stunden nachgeholt.

Arkadenbau, Regentenbau, Denkmal König-Ludwigs I. strahlen im nächtlichen Scheinwerferlicht. Der Kurgarten mit den vielen Bänken ist wie ein großer Rendezvousplatz. Bald soll er unterirdische Wagenparkanlagen erhalten. Aber man wird sich dennoch nicht dem Zug der Zeit entziehen können, wenn man überdauern will.