Von Hellmuth Karasek

Was für Peter Weiss der "Marat/Sade" ist, das ist für Edward Albee das Vier-Personen-Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf"? Beide Stücke markieren für ihre Autoren den Durchbruch zum Welterfolg, beide stehen dabei keineswegs am Beginn eines dramatischen Œuvres; sowohl der "Marat/Sade" wie die "Virginia Woolf" markieren einen Schnitt- und Scheitelpunkt im Werk ihrer Verfasser – und, so verschieden die beiden Dramen auch sind, sie sind beide geeignet, die falschen Schlüssel für das Verständnis ihrer Autoren zu liefern. Peter Weiss hat das anarchisch-chaotische Brodeln, das doch auch ein Thema des "Marat/Sade" ist, später zugunsten einer pseudo-dokumentarischen Strenge aufgegeben, hat aus den wilden Zuckungen seines Welterfolgsstücks nur die Züge ausgefiltert, die ihm für seine politischen Ambitionen geeignet schienen.

Und Albee? Konnte man ihn nach der "Virginia Woolf" als neuen Strindberg feiern, als einen, der scharf und erbarmungslos in die Ehe-Miseren seiner Umwelt geblickt hatte – so offenbarten. die auf die "Virginia Woolf" folgenden Stücke, daß Albee weniger an die röntgenartigen Durchblicke der ersten beiden Akte anknüpfen wollte als an die versöhnlich-symbolische Überhöhung des letzten Akts. Schon hier, bei der Opferung des imaginären Sohnes, hatten ja die Interpreten fröhlich-tiefsinnige Purzelbäume schlagen können: War da die unverletzbare Seele gemeint, das sogenannte "Unzerstörbare" im Menschen, oder gar das liebe Jesulein?

Jedenfalls war es schwer für jemanden, der sich vor allem durch die whisky-durchschwängerten Zimmerschlachten zwischen George und Martha zu Albee hingezogen fühlte, mit den erquälten Welträtseleien der "Winzigen Alice" oder dem Eliot-Tiefsinn des "Empfindsamen Gleichgewichts" fertig zu werden. In seiner Monographie –

Helmut M. Braem: "Albee"; Friedrichs Dramatiker des Welttheaters 63, Friedrich Verlag, Velber; 157 S., 4,80 DM

versucht Helmut M. Braem für dieses so widersprüchliche Œuvre einen, nein zwei gemeinsame Nenner zu fixieren. Der eine Nenner wäre imstande, Schlüsselloch-Neugierden zu befriedigen: Albee – oder die erstaunlichen Parallelen zwischen einer Biographie und dramatisch immer wieder variierten Vorwürfen.

Besonders die beiden Einakter "Sandkasten" und "Der amerikanische Traum" bieten sich für solche Vergleiche zwischen Leben und Werk an. Albee, von Eltern adoptiert, mit denen er sich offenkundig nicht verstand, hatte ein herzliches Verhältnis zu seiner Großmutter: Beide Stücke zeigen die Elterngeneration als amerikanischen Alptraum, die Kinder für die Gesellschaft zurechtstutzend und dabei verstümmelnd. In beiden Stücken ist es die Oma, die, von den Eltern auf ein rücksichtsloses Altenteil geschoben, sich mit dem Jungen gut versteht. Wenn man wollte, könnte man in dem Wunsch nach einem Kind in der "Virginia Woolf", in Georges Verzicht auf den imaginären (den adoptierten?) Sohn so etwas wie eine Wiederaufnahme dieses privaten Themas sehen. Psychologen hätten sicher keinerlei Schwierigkeiten, aus Georges schuldbeladener Igel-Geschichte (er tötete seine Eltern, als er versuchte, mit seinem Auto einem Igel auszuweichen) eine traumartige Verschlüsselung von Albees Autobiographie zu erblicken. Auch die homoerotischen Spannungen, mit denen im Grunde alle Werke Albees aufgeladen sind, ließen sich selbst dann wie mit Händen greifen, wenn man nicht wüßte, daß Albees "Virginia Woolf" ursprünglich als reines Männerstück konzipiert gewesen sein soll.