London, im Mai

Ein halbes Wochenende lang haben sich Teile der Labourfraktion des Unterhauses ausgemalt, wieviel besser es unter einem anderen "Leader" zugehen könnte. Es war ein kurzer Traum. Von den 340 Abgeordneten ist nicht einer imstande, Harold Wilson zu ersetzen. Von den denkbaren Nachfolgern – Callaghan, Jenkins, Healey, Castle, Stewart – würde keiner die Mehrheit der Fraktionsstimmen erhalten. Die rebellierenden Abgeordneten hatten die politischen Kräfte und Interessen innerhalb der eigenen Partei etwa so stümperhaft analysiert wie studentische Umstürzler, die von einem Bündnis mit "breiten Schichten" träumen. Die Reaktion war unerwartet. England hatte nicht genug Berge für alle Rütlischwüre der Wilson-Treuen. Höhnisch erklärte Wilson auf einer Londoner Massenversammlung: "I know what’s going on. I am going on."

Das Wortspiel erinnert an MacMillans Bemerkung von den "local difficulties", den "kleinen Schwierigkeiten", mit denen er eine ähnliche Welle der Unzufriedenheit abtat. Beide Harolds hatten recht; eine Gefahr aus den eigenen Reihen besteht für einen britischen Premierminister so gut wie nicht. Rufen ihn nicht der Tod oder die eigene Einsicht ab, so müssen sich 51 Prozent der Fraktion auf einen anderen Mann einigen. Nun sind aber rund 30 Prozent der Labourabgeordneten in bezahlten oder unbezahlten Regierungsämtern tätig, und für viele von ihnen ist eine neue Führung in der eigenen Partei so schlimm wie ein Wahlsieg der Opposition. Ein britischer Premierminister regiert als Arbeitgeber großen Stils, und Loyalität wird bis hinab zum parlamentarischen Privatsekretär scharf einkalkuliert.

Das, besagt nicht, daß die Rebellen keinen Anlaß hätten, auf die eigene Regierung zu schimpfen. Der Protest kam diesmal nicht von linksaußen, wo die Ohnmächtigen im freiwilligen Exil ihre rhetorischen Feuerwerke abbrennen, sondern aus der Mitte und von rechts, wo die den Gewerkschaften nahestehenden Abgeordneten normalerweise der Regierung unbeirrt zu akklamieren pflegen. Aber das Gesetz, mit dem Barbara Castle die wilden Streiks eindämmen will und in das Strafklauseln eingebaut werden sollen, erscheint ihnen als ein Anfang, dem sie wehren wollen.

Keine britische Regierung – gleich welcher Couleur – kann länger die Verantwortung für die zahllosen Produktionsausfälle übernehmen. Kein Arbeitsminister darf den syndikalistischen Standpunkt vieler britischer Gewerkschaftler teilen: Was in den Firmen vorgehe, sei Sache der Unternehmer und der Arbeiter – und gehe niemand anderen etwas an. Denn durch einen wilden Streik von hundert Arbeitern können leicht zehntausend auf die Straße gesetzt werden.

Natürlich ist in der Labourregierung die Tendenz unverkennbar, nun alles auf diese eine Karte der Trade-Union-Reform zu setzen und durch ein populäres Gesetz die Öffentlichkeit mit den Kümmernissen der kargen Labourjahre zu versöhnen. Aber die Gewerkschaftler wollen nicht Wilsons Sündenbock sein. Dabei übersehen sie nur zu leicht, wie sehr sie selber zu der Misere beigetragen haben. Die großen Ausstände in den Häfen, bei der Bahn haben das Land schwer geschädigt.

Freilich breitet sich die Untergangsstimmung bei Labour inzwischen so stark aus, daß nicht mehr rational argumentiert wird. Manche Gewerkschaftler denken nicht länger an das Wohl der ganzen Bewegung, sondern nur daran, wie die Trade Unions aus der gegenwärtigen Drangperiode des allgemeinen Volkszorns möglichst heil hervorgehen können. Insofern war die dilettantische Palastrevolte nur ein Vorbote kommender Auseinandersetzungen. Wilsons Offerte, die Gewerkschaften sollten ihm doch einen konkreten Gegenplan vorlegen, der das Anti-Streik-Gesetz überflüssig mache, wird von dem schwerfälligen Apparat der Trade Unions kaum in der verbleibenden Frist aufgegriffen werden können. So darf man vom Sonderkongreß der Gewerkschaften Anfang Juni kaum konstruktive Beiträge erhoffen, und der Sommer wird eine der schärfsten Parlamentsschlachten seit dem Kriege bringen. Karl-Heinz Wocker