Von Mario Szenessy

Bei jedem Romancier kommt die Zeit, da seine Feder ins Stocken gerät und er, um den dünneren Fluß der Produktion auszugleichen, in seinen Schubladen herumzukramen oder gar auf den Dachboden zu steigen und alte Koffer aufzuschließen beginnt. Es kommt dabei manches zutage, was besser einer postumen Gesamtausgabe vorbehalten bliebe, viele Abfälle und Nebenprodukte, unter Umständen aber auch Experimente, die vergessene Ansätze in die Erinnerung zu bringen oder erkenntlich zu machen vermögen.

So verhält es sich auch mit dem neuesten Band der ungarischen Dichterin

Magda Szabó: "Lauf der Schlafenden", Erzählungen, aus dem Ungarischen von Henriette Schade; Insel-Verlag, Frankfurt; 220 S.‚ 18,– DM.

Da kommen alte Arbeiten zum Vorschein, erste Gehversuche, Erzählungen einer noch unbekannten Dichterin, Mottenzerfressenes und Gelbstichiges, das aller Wahrscheinlichkeit nach in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre mehreren Zeitschriftenredaktionen zugeschickt und nach mehrmonatiger Lagerung auf dem Tisch des Herausgebers ungelesen zurückgeschickt wurde. Das Inhaltsverzeichnis gibt bedauerlicherweise keinen Aufschluß über die Entstehungszeiten der Erzählungen, doch kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die Stücke "S-c-h", "Polen" und der "Judenhund" dieser ersten Schaffensperiode entstammen und zur Verschleierung dieser Tatsache in die Mitte des Bandes verstreut worden sind. Zwei Erzählungen, und zwar "Hahnenschrei" und "Nenö", kennen wir bereits aus anderen Anthologien ungarischer Erzählungen: "Festbeleuchtung auf dem Holzmarkt" (Goverts-Verlag) und "Ungarn erzählt" (Fischer-Bücherei). Manche Erzählung scheint parallel mit den Romanen der Dichterin entstanden zu sein, insbesondere während des Entstehens von "... und wusch ihre Hände in Unschuld". Das wären also die Abfallprodukte der Romane; es gibt deren aber noch weitere: Magda Szabo veröffentlichte in Ungarn auch Hörspiele und Kinderbücher – nicht ohne Folgen auch, für diesen Band.

Dennoch kreisen alle Stücke um die gleichen Themen; eines davon ist, wie auch in den Romanen, der Konflikt der Generationen, ihr in ihrem spezifischen Anderssein verankertes Unvermögen, sich miteinander zu verständigen, sich in die Lage des anderen zu versetzen – das Aneinandervorbeireden und -denken – und auch in den Erzählungen entstehen mitunter aus diesen Konflikten tragische Situationen. Und noch eine Parallele: Die Dichterin bedient sich auch hier der von ihr mit Vorliebe verwendeten Form des inneren Monologs, ja, dessen Steuerung durch äußere Vorgänge ist manchmal genauso holprig wie in den längeren epischen Gebilden,

Daß die Dichterin in Ungarn und in Deutschland so populär wurde, verdankt sie vor allem diesem Generalthema des Generationskonflikts, den sie in verschiedenen Gesellschaftsschichten, in der Großstadt und auf dem Dorf, unter Intellektuellen, Schauspielern, Pädagogen und Ärzten ansiedelte. Im Laufe der Jahre hat sie sich auf diese Weise eine geschlossene, für den Leser infolge der Ähnlichkeiten leicht zu erschließende Welt aufgebaut – er konnte die neuen Romane gewissermaßen als die Fortsetzung der früheren in die Hand nehmen. Für den ungarischen Leser boten diese Werke noch einen zusätzlichen Reiz: In der von ihnen gezeigten Gesellschaft wurde zwar gekämpft; der Riß in der Gesellschaft lief aber nicht entlang der Klassen-, sondern entlang der Generationsgrenzen und widersprach somit den offiziellen Darstellungen des "historischen Materialismus". Doch hatte das alles auch einen Haken; man wurde dieses Themas allmählich überdrüssig, zumal es von Jahr zu Jahr trivialer wurde.