Unser Kritiker sah:

NACH-SPIELE

Szenische Dokumentation von Günter Wallraff

Westfälisches Landestheater

(Castrop-Rauxel) in Bochum

Um Günter Wallraff und dessen Betriebsreportagen hat es vor kurzem einigen Wirbel gegeben, als der junge Autor mit einem Förderungsbeitrag des Großen Staatspreises von Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde. Jetzt bekam man an repräsentativer Stelle Gelegenheit, auch eine "szenische Dokumentation zu Artikel 1 des Grundgesetzes" kennenzulernen, die Wallraff zwar nicht als Theaterstück, aber doch unter Benutzung von Theatermitteln geschrieben hat. Ursprünglich waren diese "Nach-Spiele" eine Auftragsarbeit für das gewerkschaftliche "Junge Forum", das regelmäßig während der Ruhrfestspiele in Recklinghausen veranstaltet wird. Dann spielte das Westfälische Landestheater (unter der Regie von Roland Gall) diesen Text von Castrop-Rauxel aus an vielen Orten seinem "normalen" Theaterpublikum vor. Neuerdings interessieren sich auch andere Bühnen für eine eigene "Inszenierung", obwohl der Autor selber einwendet, das Dokumentationsmaterial sei teilweise schon überholt. Für die aus Jubiläumsgründen mehr repräsentativ angelegten "Bochumer Festwochen ’69" bedeutet das Gastspiel aus Castrop-Rauxel den aufschlußreichsten Beitrag der vier eingeplanten "Tage experimentellen Theaters", sofern man darunter die Nahtstelle zwischen Kunst und Wirklichkeit versteht.

In drei Teilen seiner "szenischen Dokumentation" will Wallraff den Widerspruch der Wirklichkeit zum Anspruch des Grundgesetzes im Artikel 1 bewußt machen. Im ersten Teil "Der Druck der Straße" stehen Studentendemonstrationen, besonders im Anschluß an den Schah-Besuch, zur Diskussion. Im zweiten Teil "Wie das Gesetz es befiehlt" werden Amtspersonen und herrschende Bürgermeinung als verfassungsfeindlich denunziert. Der dritte Teil "Die Überwindung des Klassenkampfes" behandelt Mißstände in großen Industriebetrieben.