Ein Problem, das Politiker und Wissenschaftler

gemeinsam lösen können

Von Jürgen Heinrichs

Die Sicherstellung der Ernährung einer wachsenden Erdbevölkerung wird immer häufiger zu den großen Zukunftsproblemen gezählt. Aber gewöhnlich ist der Blick mehr auf die Symptome der Ernährungskrise als auf ihre Ursachen gerichtet.

Beispielsweise wird in nationalen und internationalen Entwicklungsprogrammen häufig angesichts der Ernährungskrise eine Priorität des Agrarsektors gefordert. Demgegenüber weisen weiterblickende Agrarexperten darauf hin, daß eine Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung nur im Rahmen einer Gesamtentwicklung erfolgreich betrieben werden kann. Es geht dabei nicht um die Bereitstellung von chemischen und technischen Hilfsmitteln für eine moderne Landwirtschaft und den Ausbau der Infrastruktur, sondern bereits um die Schaffung von Arbeitsplätzen – und damit Kaufkraft – in außeragrarischen Wirtschaftssektoren. Eine nicht harmonisierte Bevorzugung des Agrarbereichs kann die Mängel in der Nahrungsversorgung nicht beheben. Der Hunger kann in vielen Ländern nur dann erfolgreich abgewehrt werden, wenn durch die Überwindung der wirtschaftlichen Stagnation die Grundlagen für eine stetige Gesamtentwicklung gelegt werden.

So kann also das Welternährungsproblem nicht isoliert betrachtet werden. Seine Ursachen und die Bedingungen seiner Lösung sind Momente der Gesamtproblematik einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Länder, in denen die Nahrungsversorgung nicht gesichert ist, können im allgemeinen auch nicht die übrigen Grundbedürfnisse ihrer, Bevölkerung befriedigen. Dagegen ist die Lage in hochindustrialisierten Ländern nicht nur durch eine reiche Ernährung, sondern sogar durch störende Überschüsse aus der Agrarproduktion gekennzeichnet. Wenn also die Lösung des Welternährungsproblems immer wieder zu den wichtigsten Aufgaben für die kommenden Jahrzehnte gezählt wird, so sind alle Anstrengungen mit gemeint, die notwendig sind, damit in einem größeren Rahmen auch die Ernährungslage dauerhaft verbessert werden kann.

Der Blick auf eine in Zukunft möglicherweise eintretende Verschärfung der Lage verleitet dazu, die aktuell vorliegende Ernährungskrise zu übersehen. Es muß daher der Verdacht geäußert werden, daß der gern wiederholte Hinweis auf zukünftige Hungerkatastrophen gelegentlich dazu benutzt wird, von der aktuellen Hungersituation und dem Versagen derjenigen, die daran etwas ändern könnten, abzulenken. Es ist ja auch sehr viel einfacher, sehr viel anregender und zugleich unverbindlicher, sich mit den Ernährungsproblemen späterer Jahre und Jahrzehnte zu beschäftigen als mit den heute akuten.