In der "Süddeutschen Zeitung" sagte eine dpa-Meldung, daß vom Amtlichen Bayerischen Reisebüro (ABR) gemeinsam mit der Fluggesellschaft Pan American World Airways (Pan Am) eine Studienreise für deutsche Sarghersteller vorbereitet werde, die nach Amerika und Kanada führen soll. Wenn zwanzig Sarghersteller zusammenkommen, tritt der verbilligte Tarif in Kraft (4890 Mark pro Sarghersteller). Dann kann die Studiengesellschaft starten. In diesem Zusammenhang schreibt die "Süddeutsche": "Zehn Salzhersteller haben sich bereits angemeldet."

Hier stutzen wir. Wie ist es möglich, daß sich sofort die Salzhersteller einmischen, wenn die Sarghersteller reisen wollen? Und gilt es auch umgekehrt? Dürfen, wenn Salzhersteller nach Amerika und Kanada zu Studienzwecken fliegen, auch Sarghersteller mit von der Partie sein? Welche Bezüge herrschen zwischen der Herstellung von Salz und Särgen? Gemeinsam ist beiden Produkten, daß man sie produzieren und ihre Produktion studieren kann.

Im schönen Gent kann man eine Altstadtgasse durchwandeln, in der seit eh und je der Handel mit Särgen blüht. Ich war einmal dort, als die Sonne leuchtete und die Särge in angenehmem Licht erscheinen ließ. Den schönsten Effekt machte dabei ein Laden, der nach moderner Art nur ein einziges Exemplar, ein garantiert wurmfestes, ausgestellt hatte. Hier studierte ich die verschiedenen Nuancen der Sprachkraft, deren die lateinischen und die germanischen Völker mächtig sind; Denn zu Füßen des Sarges befand sich eine Inschrift, die nach belgischer Sitte und Vorschrift in beiden Landessprachen gehalten war. Wie elegant und taktvoll lautete es auf Französisch: "Cercueil de luxe en métal"! Aber wie kraftvoll und realistisch hieß es im niederländischen Text: "lesern Prachtkiste"!

Schon dieses Erlebnis zeigt, daß Särge den Aufwand einer Studienreise lohnen, zumal bei verbilligten Kosten, an denen sich auch Salzhersteller beteiligen können.

Andererseits: Ebenso, wie es von billigen Holzsärgen bis zu "eisernen Prachtkisten" alle Arten der Produktion gibt, ist es mit einer einzigen Sorte Salz nicht getan. Hier spricht man sogar von Salzen, die der Gesundheit zuträglich sind, von Luxus-Salzen sozusagen. Warum sollten die Hersteller zweier Produkte, wenn sie gemeinsam reisen, nicht voneinander lernen könden? Auf den erster Blick freilich hat man den Eindruck, daß Sarg und Salz verschiedenen Welten angehören. Aber diesenEindruck muß man wohl korrigieren.

Dennoch erhebt sich die Frage, ob die "Süddeutsche" jene dpa-Meldung auch veröffentlicht hätte, wenn es sich umeine Studienreise ausschließlich der Salzhersteller gehandelt hätte. Zumindest darf man vermuten, daß es einen anderen Eindruck macht, wenn auf amerikanischen und kanadischen Flugplätzen deutsche Sarghersteller eintreffen. Will sagen: Deutsche Salzhersteller für sich allein würden vermutlich weniger Aufsehen erregen.

Man hört und sieht Im Geiste die Szene vor sich:. "Salzhersteller rechts, Sarghersteller links heraustreten!" Und erst die Reden jeweils beim offiziellen Arbeitsessen mit amerikanischen und kanadischen Kollegen! Was immer man Gutes und Symbolhaltiges vom Salz sagen kann ("Es lebe das Salz der Erde!"), so ist doch gewiß ein Festredner wirkungsvoller, wenn er zur rechten Stunde ausruft: "Erheben wir also unser Glas und trinken wir auf den völkerverbindenden Sarg!" Es ist sozusagen mehr Salz in solchem Satz. In gemischter Runde, das heißt, wenn die Produzenten beider Produkte gemeinsam tafeln, ist es sogar möglich, daß die Salzhersteller erschauern, während die Sarghersteller eiskalt und doch begeistert einstimmen: "Bravo. Der Sarg, er lebe!"