Die Jubellaune leidet unter Krieg und Kriegsgeschrei

Von Imanuel Geiss

In diesem Jahr feiert Kairo, die Hauptstadt Ägyptens – offiziell noch immer der Vereinigten Arabischen Republik – sein tausendjähriges Bestehen. Viele Festveranstaltungen sind vorgesehen, aber selbst ein kurzer Besuch im spannungsreichen Frühjahr 1969 erweckt den Eindruck, daß keine rechte Jubellaune in Kairo aufkommen mag. Wie sollte es auch anders sein, da sich Ägypten und mit ihm die arabische Welt noch immer in der schweren Depression befindet, die von der jähen Niederlage im Sechstagekrieg herrührt? Mit dem bitteren Geschmack einer demütigenden Niederlage, mit der Furcht vor neuen Schlägen des verhaßten Feindes Israel, diesmal gegen Kairo selbst, mit Sandsäcken und Luftschutzübungen, mit blaugestrichenen Autoscheinwerfern und auf halbe Leuchtkraft gesetzter Straßenbeleuchtung, mit enormen ökonomischen Sorgen, die sich nur vorübergehend durch sowjetische Wirtschafts- und Militärhilfen verscheuchen lassen, kurz, inmitten einer tiefgehenden Dauermalaise läßt sich nun einmal nicht gut feiern, auch nicht zu Ehren einer noch so glorreichen tausendjährigen Vergangenheit (und Kairos Vergangenheit war nicht immer glorreich).

Arabische Rhetorik

Krieg und Kriegsgeschrei werden stärker denn je ausländische Touristen davon abhalten, Ägypten zu besuchen und die Pyramiden zu bestaunen (sie sind auch im Zeitalter des Weltraumflugs noch immer überwältigend) oder im hoffnungslos altmodischen Ägyptischen Museum die unübersichtlich aufgestellten Schätze aus der Glanzzeit Ägyptens, der Pharaonenzeit, zu besichtigen. Um so dankbarer werden alle, die sich für diese trotz allem noch immer faszinierende Stadt interessieren, für den großen Bildband sein, der jetzt in Kairo rechtzeitig zum Millennium erschien –

"Das Tausendjährige Kairo 969–1969"; hrsg. von der Allgemeinen ägyptischen Druck- und Verlagsorganisation, Kulturministerium; Kairo 1969, Aeg. £ 6,– (etwa 60,– DM), 459 Seiten, 525 Abbildungen.

Die deutsche Ausgabe dieses Bandes, der gleichzeitig auf arabisch, englisch, französisch, deutsch, russisch und spanisch erscheint, wurde von der Deutschen Buch-Export und -Import in Leipzig hergestellt. Der Druck ist hervorragend, die gelegentlichen kleineren Mängel im vorliegenden Exemplar sind hoffentlich nicht für die deutsche Gesamtauflage typisch.