Von Hermann Bohle

De Gaulle ist gegangen – aber die Tatsachen bleiben bestehen..." Mit diesen Worten erklärt mir Michel Habib Deloncle, früherer Staatssekretär unter Couve de Murville im französischen Außenamt und heute Chefideologe der gaullistischen Parteizeitung "La Nation", daß sich in der Europa-Politik auch unter einem Präsidenten Pompidou nichts ändern werde.

Charles de Gaulle sei niemals wirklich gegen Englands Teilnahme am Aufbau Europas gewesen – doch die wirtschaftlichen Probleme einer Aufnahme der Briten bestünden auch dann, wenn Frankreichs Präsident nicht mehr de Gaulle heißt, meint Habib Deloncle. Das gleiche gelte für einen föderalistisch-supranationalen Aufbau der europäischen Gemeinschaft.

Ebenso klingt es an anderer, keineswegs dem General und seinen Ideen höriger Stelle in Frankreich. Man sei nicht bereit, Englands Schulden von der Sechsergemeinschaft tragen zu lassen. Die im Amte bleibende höhere Ministerialbürokratie – die bisher jeden Pariser Regimewechsel überlebte – werde schon dafür sorgen, daß dieses Prinzip gültig bleibt.

Doch weder Pompidou noch sein sozialistischer Konkurrent Defferre kann ohne die Stimmen der demokratischen Mitte an die Regierung kommen. Pompidou mußte in der Tat bereits Zugeständnisse an Giscard d’Estaing machen.

Tatsächlich fordert Giscard d’Estaing seit Monaten die Aufnahme Englands in die EWG und die Schaffung eines europäischen Währungs-Reservefonds, in den alle Mitgliedstaaten Teile ihrer Gold- und Devisenreserven als Basis einer kommenden Währungsunion einbringen. Doch Gaullisten betonen, Pompidou habe sich gegenüber Giscard nur sehr vage festgelegt – und nach der Wahl sei sein Verhältnis zur Nation sieben Jahre lang "unkündbar" – gleichgültig welche Politik er verfolge.

Jacques Duhamel, Lecanuets Konkurrent um die Führung der christlich-sozialen Centristen dagegen: "Die kommenden zwölf Monate werden, unabhängig davon, wie der neue Präsident heißt, vom Wiedererwachen Frankreichs als dynamischer Motor einer europäischen Einigung geprägt sein." Die politische Union in der Außen- und Verteidigungspolitik "das unabhängige Europa als Atommacht", müsse das Ziel sein.