Von Ulrich Schiller

Moskau, im Mai

Vier Jahre lang haben einhundert Ökonomen, Agronomen, Ideologen, Planer und Politiker gebraucht, um in einundsechzig Paragraphen eine neue Mustersatzung für die Kollektivwirtschaft in der Sowjetunion zu Papier zu bringen und ihren Entwurf schließlich durch das Zentralkomitee zu steuern. Der Parteichef selbst, Leonid Breschnjew, hat als Haupt der Spezialistenkommission seinen Namen damit verbunden. Der Entwurf des neuen Musterstatuts ist vor einigen Tagen veröffentlicht worden. Ein halbes Jahr lang soll er diskutiert und dann im November auf einem All-Unions-Kongreß der Kolchosbauern verabschiedet werden.

Das Interesse der Öffentlichkeit ist groß. Das ist erklärlich; schließlich leben und arbeiten noch immer 24 Prozent der sowjetischen Bevölkerung in den landwirtschaftlichen Kollektivbetrieben – überwiegend auf einem Niveau, das weit unter dem der Stadtbevölkerung und der Industriearbeiter liegt. Und die übrige Bevölkerung weiß nur zu gut, daß das niedrige technische Niveau auf dem Lande und die geringe Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft schuld daran sind, wenn ihr Familienbudget fast ausschließlich von den Ernährungskosten aufgezehrt wird.

Brot, gutes Brot, gibt es genug und preiswert, aber Obst und Gemüse? Auf dem Moskauer Zentralmarkt kostet ein Kilo Tomaten jetzt umgerechnet 45 Mark, ein Kilo Gurken 22,50 Mark, ein Bündel Petersilie 2,50 Mark. Jeder weiß, daß etwas nicht stimmen kann, wenn die Bauern aus Georgien mit einem Koffer oder Pappkarton voll Obst oder Blumen bis Moskau und Sibirien fliegen und immer noch dabei verdienen.

Längst war das gültige Musterstatut, das die rechtliche Basis des Kolchos, seine Betriebsformen sowie die Rechte und Pflichten seiner Mitglieder regelt, veraltet. Stalin hatte es 1935 nach Abschluß der Zwangskollektivierung erlassen. 1956 bereits empfahlen Zentralkomitee und Sowjetregierung den Kolchosen, das Statut selbständig nach Bedarf zu ändern. Weil die Kolchosbauern immer erst am Jahresende übersehen konnten, ob und wie wenig sie verdient hatten, weil sie keine geregelten Geldeinkünfte hatten, ging es mit der Landwirtschaft bedrohlich bergab. Chruschtschow erkannte, daß den Bauern ein größerer Anreiz gegeben werden mußte. Er ging aber davon aus, sie würden sich zu sehr ihrem privaten Hofland widmen und zu wenig der gesellschaftlichen Kolchosproduktion. Er wollte also das private Hofland, welches das Musterstatut Stalins in einer Größe von einem viertel bis zu einem halben Hektar – im Ausnahmefall bis zu einem Hektar – zuließ, reduzieren und allmählich ganz abschaffen. Auf die Volksernährung wirkte sich das verheerend aus.

Im Jahre 1967 – das sind die letzten amtlichen Angaben – wurden aus dem privaten Hofland und der privaten Viehhaltung der Kolchosbauern einschließlich der Gärten von Angestellten und Arbeitern für die Ernährung der sowjetischen Bevölkerung gewonnen: Kartoffeln zu 63 Prozent, Gemüse zu 41, Fleisch zu 38, Milch zu 38, Eier zu 63 und Wolle zu 30 Prozent.