So eindeutig diese Zahlen sind, so hartnäckig blieben doch die Dogmatiker. Immer wieder warfen sie ein, mit der Beibehaltung des privaten Hoflandes konserviere man Überreste der Vergangenheit und fördere kleinbürgerliche Besitzinstinkte, die der allmählichen Verschmelzung der Arbeiter- und der Bauernklasse in eine kommunistische Gesellschaft im Wege stünden.

Die pragmatischen Reformer der Landwirtschaft, die natürlich auch zum Kommunismus wollen, hielten dagegen, daß der nächste, längst überfällige Schritt sein müsse, das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft zu beheben, daß kein Kommunismus möglich sei, solange die Ernährung unzureichend, teuer und immer wieder Krisen ausgesetzt ist. An die Spitze dieser Reformer hat sich neben Kossygin das Politbüromitglied Poljanskij gesetzt.

Wenn der Entwurf des neuen Kolchosmusterstatuts auch im wesentlichen nur kodifiziert, was sich in den letzten drei Jahren als Praxis weithin eingebürgert hat, so schafft es doch in wichtigen Punkten für die nächsten Jahre Klarheit: Der Privatbesitz an Hofland bleibt. Gestattet ist höchstens ein halbes Hektar, bewässerten Bodens nur 0,20 Hektar einschließlich des Bodens für Haus und Stallungen. Das ist weniger als vorher. Dafür sind aber die Bestimmungen erweitert worden, die die Bearbeitung des Hoflandes mit den technischen Mitteln und den Arbeitskräften des Kolchos zulassen.

Jede Bauernfamilie darf wie bisher eine Kuh mit Kalb und ein Jungrind bis zu zwei Jahren, ein Mutterschwein mit Nachwuchs oder zwei Mastschweine, bis zu zehn Schafe oder Ziegen, Geflügel, Bienen und Kaninchen halten. Im Bezirk Woronesch hat man 853 Kolchosbauern befragt, ob sie damit zufrieden seien. 13,4 Prozent wünschten sich eine Erhöhung statt der im bisherigen Statut fixierten Normen, 17 Prozent erklärten die zusätzlichen Einkünfte aus dem Hofland als lebenswichtig.

1967, da offener als heute über innere Probleme geschrieben wurde, brachte die Zeitschrift "Fragen der Philosophie" an, daß das Realeinkommen der Kolchosbauern nur 80 Prozent des durchschnittlichen Realeinkommens der Arbeiter und Angestellten ausmacht, daß für die soziale und kulturelle Betreuung der Bauern nur halb soviel aufgebracht wird wie für Arbeiter und Angestellte. Dementsprechend sieht die fachliche Qualifikation der Kolchosbauern aus. 1965 waren 71 Prozent ohne Spezialisierung, also ohne eigentlichen Beruf, wo andererseits ein moderner Kolchos nach sowjetischen Angaben Verwendung für 40 bis 120 landwirtschaftliche Spezialberufe haben könnte. Könnte – denn die technische Ausrüstung der Kolchosen hat noch immer einen beklagenswert niedrigen Stand. 1965 wurde ihre Produktion zu 25 Prozent durch rein körperliche Arbeit bewältigt; 1965 verfügte nur jede zehnte Melkerin über eine Melkmaschine. Poljanskij gab Ende 1967 in der Zeitschrift "Kommunist" an, daß nur ein Drittel aller sowjetischen Kühe von Hand gemolken werden. Zum Stand der Mechanisierung in der Landwirtschaft – also Kolchosen und Staatsgüter (Sowchosen) zusammen – führte er an, daß umgerechnet ein Traktor 135 Hektar Land kultivieren und ein Combiner 237 Hektar Getreide abernten müsse. Für viele Maschinen gebe es weder Ersatzteile, noch Reparaturwerkstätten.

Das neue Statut räumt den Kolchosen größere betriebliche Bewegungsfreiheit ein. Sie sollen Verarbeitungsbetriebe und Werkstätten gründen, sich für kostspielige Investitionen mit anderen Kolchosen oder sogar Staatsgütern zusammentun und Kredite aufnehmen; sie sollen Buchhaltung und Statistik rationalisieren und Ausbildungsstätten schaffen. Mit einer Verwandlung dörflicher Siedlungen zu stadtähnlichen Produktionszentren der Landwirtschaft soll die Abwanderung der Jugend gestoppt werden. "Kulturno" und reizvoll soll das Leben auch auf dem Lande werden. Die soziale Sicherheit ist durch das neue Statut garantiert: monatliche feste Bezahlung und Alters- und Invalidenpension, wie sie schon seit 1966 praktisch gewährt werden. Die Forderung nach bezahltem Jahresurlaub ist in den ersten Diskussionsbeiträgen bereits zu lesen.

Die Misere der sowjetischen Landwirtschaft wird allein durch ein neues Kolchosstatut freilich noch nicht behoben, und den Beweis für die Überlegenheit des Kolchossystems – der viel zitierten "Schule des Kommunismus" – dürften die sowjetischen Propagandisten der Umwelt noch eine Weile schuldig bleiben. Wenn das Statut dazu beiträgt, die unzähligen noch immer in Staub und Schlamm gebetteten Dörfer an ordentliche Verkehrswege anzuschließen, die heute selbst in der näheren Umgebung Moskaus noch die Ausnahme darstellen; wenn die Dörfer Geschäfte bekämen und Handwerkerstuben; wenn die Wirtschaftsgebäude der Kolchosen jeden Anblick der Trostlosigkeit verlören, den sie selbst dort oft haben, wo im gesegneten Klima Feldfrüchte wie Unkraut wachsen; wenn solide neue Wohnhäuser nicht nur dort aus dem Boden schössen, wo Bauern bereit sind, für einen Wolga 20 000 Rubel (90 000 Mark) zu zahlen, nur um ein Auto zu haben, nämlich im fruchtbaren Georgien – dann hätte sich der Schweiß der hundertköpfigen Expertenkommission gelohnt.