München Bis zum 1. Juli, Kunstverein: "Richtungen"

Der örtliche Kunstverein war in den letzten Jahren nicht viel mehr als ein blinder Fleck im Münchener Kunstleben, seine Aktivität allenfalls eine Erwähnung im Lokalteil wert. Von diesem höchst provinziellen Unternehmen ist nach der Fusion mit der "Gesellschaft der Freunde junger Kunst" nur noch der Name übriggeblieben: die Zeit der Gedächtnisausstellungen für ehrenwert-biedere Kleinstmeister ist vorbei. Das Programm soll schrittweise auf überregionales Niveau gehoben, der Aktionsradius auf das internationale Geschehen ausgerichtet werden.

Carl-Albrecht Haenlein (der Wechsel vom Universitätsassistenten zum Direktor des Kunstvereins ist ihm sichtlich gut bekommen) scheint der richtige Mann zu sein, die sicher hie und da noch aufbrechenden Widerstände konservativer Kreise aus dem Weg zu schaffen. Er hofft, daß dieser aus pragmatischen Gründen geschlossenen Ehe – der "Gesellschaft" fehlten geeignete Räume, dem Kunstverein Ideen – möglichst viele progressive Kinder beschert sein werden.

Die erste Ausstellung "Richtungen" ist für die Vorstellungen des neuen Leiters weniger aufschlußreich als für sein diplomatisches Geschick: Bayern und Nichtbayern, Arrivierte und nervcomers sind paritätisch vertreten, der gewaltige Münchener Nachholbedarf rechtfertigte den Verzicht auf das Allerneueste. Solide, aber anregend, lautet die Devise.

Über die Farbtafeln Rupprecht Geigers ist wenig Neues zu berichten. Seine Beteiligung ist, meiner Meinung nach, insofern ein Mißgriff, als es sich bei ihm um einen orthodoxen Repräsentanten der bereits historisch fixierten monochromen Malerei handelt, die ihre Aufgabe erfüllt hat. Sinnvoller wäre es gewesen, einen Hinweis darauf zu geben, welche monochromen Probleme einen jungen Künstler mit Pop-Erfahrung heute noch herauszufordern vermögen.

Gerhard von Graevenitz‘ "Große Lichtwand" ist nun endlich auch einmal in der Wahlheimat des Künstlers zu sehen. Dank der intelligenten Weiterentwicklung Le Parcscher "Vorstufen" ist dies eines der wenigen kinetischen Lichtobjekte, die den Betrachter nicht so bald ermüden: immaterieller Rayonismus. Scheinbar kompakte, Minimal-artige Skulpturen, die sich jedoch auseinandernehmen und zu neuen minimalistischen Gebilden, Skulpturenfeldern oder bizarren Monumenten zusammenfügen lassen, hat Nikolaus Lang dem mitspielenden Betrachter anzubieten. Ohne die sterile. Gleichförmigkeit von Baukastenelementen zeigen Langs potentielle Multiples, daß überlegte Organisation des Materials spielerischer Phantasie nicht im Wege steht.

Zu den wenigen, die sich der von Pop freigesetzten Möglichkeiten (Umfunktionierung der Wirklichkeit durch mimikryhafte Affinität) auch tatsächlich bedienen, gehört Rainer Wittenborn – er ist die eigentliche Entdeckung dieser Schau. Mittels Objektivierung der durch die Massenmedien vertrauten Bilder rückt Wittenborn der Wirklichkeit zu Leibe: Ideologische Strukturen kapitalistischer Kriegführung – die Verflechtung industrieller Interessen mit dem "Guerilla War Game" in Vietnam ist aus seinen Gemälden direkt ablesbar – werden ebenso deutlich wie der Dehumanisierungsprozeß in einer von technischen Zwängen bestimmten Gesellschaft. "Destination New York" – eine drucktechnisch exzellente Folge von Serigraphien – beschreibt die Gettosituation des Großstadtmenschen: die durch Anonymität erkaufte Sicherheit wird als trügerisch entlarvt. Helmut Schneider