Nicht weniger als 24 Tage haben Chinas Kommunisten in Peking getagt. Sei es, daß dieser Parteikongreß so lange dauerte, weil hinter den verschlossenen Türen doch vielerlei Gegensätze ausgetragen wurden, sei es, weil (wie andere Beobachter meinen) das umständliche Wahlverfahren viel Zeit in Anspruch nahm – immerhin steht fest: Mao und seine Getreuen haben gesiegt. Ganz eindeutig bestimmen sie die drei entscheidenden Führungsinstitutionen.

Da ist zunächst das Zentralkomitee – mit vielen neuen, wenn auch nicht jüngeren Gesichtern. Von den 170 Mitgliedern sind etwa vierzig Prozent Militärs. Das hat manche Interpreten zu der Spekulation veranlaßt, in Wahrheit sei es die Armee, die heute China beherrsche. Diese Vermutung wird indes durch nichts belegt.

Viel eher deutet die große Zahl militärischer Vertreter im Zentralkomitee darauf hin, daß die durch und durch politisierte Armee tatsächlich zu dem geworden ist, was Mao und Lin Piao stets aus ihr machen wollten: eine verläßliche Kader-Truppe des Maoismus. Alle jene höheren Offiziere, denen die Gesetze des modernen hochtechnisierten Kriegshandwerks wichtiger, erschienen als die von viel Erinnerungsromantik durchwehte Guerilla-Ideologie, sind während der letzten Jahre einer nach dem anderen aus ihrem Posten gedrängt worden.

Daß sich in China, jedenfalls im Augenblick, kein Generalsregime anbahnt, zeigt sich auch an der Tatsache, daß in den höheren Führungsstäben die Militärs kaum noch eine Rolle spielen. Dasselbe gilt übrigens von den pragmatischen Bürokraten, deren Exponenten während der Kulturrevolution am meisten Federn lassen mußten.

Im zweitwichtigsten Entscheidungsgremium, im Politbüro, dominieren ganz unangefochten die Ideologen, die Barden Mao Tse-tungs (den Peking übrigens neuerdings aus Gründen der semantischen Straffung Mao Tsetung geschrieben wissen will). Dem Politbüro haftet zudem der Charakter dynastischer Familienherrschaft an. Zu den 25 Mitgliedern gehören die Frau Maos, die ehemalige Schauspielerin und Einpeitscherin der Kulturrevolution Tschiang Tsching, ferner Maos Schwiegersohn und schließlich die Frau Lin Piaos. (Tschu En-lais Frau hat den Sprung ins Politbüro nicht geschafft, sie mußte mit einem Sitz im Zentralkomitee vorliebnehmen.)

So einflußreich Zentralkomitee und Politbüro sein mögen, die wirkliche Entscheidungskompetenz liegt beim Ständigen Komitee des Politbüros. Es besteht aus nur fünf Mitgliedern: Mao Tse-tung, seinem Stellvertreter und designiertem Nachfolger Lin Piao, dem wendigen Ministerpräsidenten Tschu En-lai, der bisher noch alle Kurswechsel überstanden hat, dazu dem Chefideologen der Partei Tschen Po-ta, der Mao viele Jahre lang als Sekretär gedient hat, und schließlich dem Parteiorganisator Kang Scheng. Tschen Po-ta und Kang Scheng (auch seine Frau gehört notabene dem Zentralkomitee an) sind in der Wolle gefärbte Maoisten.

Der 9. Parteitag hat, will man ein erstes vorsichtiges Fazit ziehen, gewiß eine Konsolidierung der durch die Kulturrevolution aufgewühlten Partei bewirkt. Aber zugleich ist offenkundig, daß es mehr noch als zuvor die militanten Ideologen sind, die jetzt den Ton angeben. Was das außenpolitisch bedeutet, läßt sich noch nicht absehen. Moskau zeigt sich (wie Victor Zorza im einzelnen darlegt) über diese Entwicklung besorgt. Andererseits läßt die zwar sehr vage, aber bei all ihrer Aggressivität (gegenüber der UdSSR mehr noch als gegenüber den USA) im Detail doch eher moderate Kernrede Lin Piaos durchaus auch den Schluß zu, daß die Pekinger Führungsgruppe dem Realismus noch nicht vollends abgeschworen hat.

Chinas Politik während der nächsten Monate wird die Probe dafür liefern. Und genauso wird sich wohl über kurz oder lang herausstellen, ob die vielerorts geäußerte Vermutung richtig ist, daß Chinas wahrer Herrscher schon heute nicht mehr Mao Tse-tung sondern Lin Piao heißt.