Nie war die Zahl der Kriegsdienstverweigerer so hoch wie in den letzten Monaten, nie wurden die Büros der großen Pazifistenverbände – Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) – von ratsuchenden Soldaten und Schülern so häufig aufgesucht – da droht der VK sich selbst zu zerfleischen. Der Zank entbehrt nicht des Grotesken: auf der einen Seite im Verband stehen die dogmatischen "Pazifisten", auf der anderen die vom SDS inspirierten "Friedenskämpfer".

Nur durch verbale Haarspalterei konnte letzten Monat beim Stuttgarter Bundeskongreß die Spaltung vermieden werden: Es wurde eine Spaltung im Verband, aber keine Spaltung des Verbandes konstatiert. Mittlerweile haben sich die ersten autonomen pazifistischen "Gruppen demokratischer Kriegsdienstverweigerer" formiert. Sie sind nicht mit der Satzungsänderung einverstanden, die von den "Progressiven" mit Zweidrittelmehrheit erzwungen wurde. Bisher hatte es im Paragraphen drei geheißen, der VK bediene sich bei der Erfüllung seiner Aufgaben "ausschließlich der Mittel des gewaltlosen Kampfes und solcher Mittel, die nicht im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen". Nunmehr wird der "gewaltlose Kampf" nicht mehr ausdrücklich erwähnt. Mit anderen Worten: Jedes Mitglied darf sich künftig an Aktionen der Außerparlamentarischen Opposition beteiligen, ohne gleich den Ausschluß aus dem Verband befürchten zu müssen.

In der Praxis hatten sich die "aktiven" Gruppen, allen voran die Frankfurter, um die alte Satzung kaum noch gekümmert. Der letzte Bundeskongreß hat den bestehenden Zustand nur noch bestätigt: Die Basis- und Projektgruppen und Regionalverbände sind autonom und unterstehen keiner zentralen Disziplinargewalt. In der Sprache eines Verbandsfunktionärs: "Wir sind von der formalen zur realen Verbandsdemokratie übergegangen." Die Pazifisten holen nur organisatorisch nach, was die Progressiven längst getan haben.

Beide Flügel bekennen sich zwar nach wie vor zum Grundsatz der Gewaltlosigkeit, aber für die Progressiven ist dies mehr eine taktische als eine dogmatische Frage. Sie wollen die Kriegsdienstverweigerer nicht nur politisieren, sondern auch radikalisieren, um mittels ihrer Hilfe die Bundeswehr zu zersetzen. Ihr Vokabular klingt schlimmer, als es gemeint ist. Zwar träumen viele junge Menschen im VK von einer sozialistischen Gesellschaft (ohne Bundeswehr, versteht sich), aber niemand will gegen Kasernen und Panzer anders vorgehen als mit Flugblättern und Sprechchören. Den reinen Pazifisten aber geht schon der Wortkrieg zu weit – aus Angst vor der Reaktion.

Vielleicht gibt es in der Bundesrepublik also bald drei große Kriegsdienstverweigerer-Organisationen. Die "Pazifisten" bedauern diese Entwicklung am meisten. Es gäbe noch eine Hoffnung, meinen sie, die völlige Spaltung zu verhindern: Die Behörden sollten nicht mehr, wie in den letzten Monaten, die Aktionen einzelner Radikaler zum Anlaß nehmen, die Bestimmungen extrem auf alle Kriegsdienstverweigerer anzuwenden (Arreststrafen in der Bundeswehr), sondern den Forderungen der "ideologiefreien" Mitglieder des VK entgegenkommen. Sie glauben, wenn das umstrittene Prüfungsverfahren vereinfacht und das Ersatzdienstwesen entbürokratisiert würde, nähme dies den Radikalen den Wind aus den Segeln. Kj.