Von Gisela Stelly

Ich sprach oder korrespondierte mit etwa 400 Personen in den Vereinigten Staaten, die als Autoritäten anerkannt. sind ... Auf der Suche nach Einblicken und vergleichbaren Informationen bereiste ich zehn Länder... Ich (korrespondierte) auch mit Leuten vierzehn verschiedener Länder... An diesem oder jenem Punkt der gesamten Nachforschungen rief ich zwölf Übersetzer zu Hilfe... Ich besuchte etwa 130 Colleges (ich beteiligte mich ebenfalls an einer Diskussion einer Hippie-Kommune im Haights-Ashburys-Bezirk von San Francisco)... Meine Lektüre umfaßte mehrere hundert Reporte über Forschungsprojekte und viele Tausend kleinere Berichte, die irgendeine bestätigende oder aufklärende Einzelheit enthielten. Ich habe soviel Material durchgesehen, daß es aufgestapelt mindestens neun Meter hoch wäre..." Und – so fügt der Autor in seinem Vorwort noch hinzu – um seine Frage: Wie steht es um die Sexualität? beantworten zu können, habe er zwölf Jahre seines Lebens aufwenden müssen. Fast zwanghaft scheint denn auch der Titel des neuen Buches formuliert worden zu sein:

Vance Packard: "Die sexuelle Verwirrung"; Econ Verlag, Düsseldorf 1969; 542 Seiten, 25,– Mark.

Was an Packards neuem Buch jedoch verwirrt, sind nicht die mühevoll zusammengetragenen Beispiele sexueller Verwirrungen – etwa 43 Prozent der volljährigen Studentinnen in den Vereinigten Staaten sind keine Jungfrauen mehr; Schlüsselpartys finden vorwiegend in Zürich statt; Ehen mit Partnertausch und das Unglück derselben –, vielmehr ist es die Verwirrung des Autors selbst. Aus einer schier unerschöpflichen Sammlung von Feststellungen und Zitaten, aus Forschungsergebnissen von Kinsey bis Masters und Johnson, und schließlich aus den Resultaten seiner Fragebogenaktion an amerikanischen Colleges und europäischen Universitäten rettet sich der verschreckte Packard in die Klarheit eines eigenen Mehr-Punkte-Programms. Zur Instandsetzung einer gesunden Gesellschaft fordert er, als Schlußapotheose gleichsam: Intime Beziehungen vor der Ehe sollten nur bestehen, falls a) die Partner eine tiefe Freundschaft verbindet, b) beide das erste Collegejahr absolviert haben, c) Heiratspläne ernsthaft erwogen werden. Was ist mit Packard passiert?

Vance Packard, Amerikaner und 55 Jahre alt, ist Journalist und Schriftsteller. Auch in Deutschland ist er als Bestsellerautor von Büchern wie "Die Geheimen Verführer", "Die Große Verschwendung", "Die Pyramidenkletterer" und – dem Inhalt dieser Bücher entsprechend – als Kritiker des kapitalistischen Wirtschaftssystems bekanntgeworden. Seine Schilderungen einer menschenfeindlichen Technik und einer dämonischen Verwertung der Psychologie ließen Lesern und Rezensenten ehemals Schauer über den Rücken gleiten. (Packard erklärte schließlich, sein Buch "Die Geheimen Verführer" – das die Werbeangriffe auf das Unbewußte aufdeckte – sei mißverstanden worden. Es gebe keinen Beruf, in dem so selbstkritisch gearbeitet werde wie in der Werbung.)

Seine richtige Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems, dessen Manipulationen die Leute in einen immer verrückteren Kaufwettbewerb hetzen, ließ Packard aber auch immer zu falschen Schlüssen kommen. Hatte er seine Leser hinreichend erschreckt, propagierte er die Askese als Heilmittel für eine übersättigte Konsumgesellschaft. Das Übel am "freien" Wettbewerb war für ihn die "Freiheit", die er zuläßt, und nicht die Zwänge, die er erzeugt, Packards Bücher wurden immer Bestseller, denn seine Sache war immer populär. Ihre Ursache ist es leider nie gewesen.

Nicht minder populär ist sein neuestes Thema, die Sexualität. Nur hat es einen großen, für Fackardsche Schnüffelarbeit bisher nicht gefährlich gewordenen Haken: Das Thema ist ausgeschlachtet. Die Materialschau, durchsetzt mit nunmehr lächerlich erscheinenden, journalistischen Beobachtungen, verblüfft nicht, langweilt eher.