Der deutsche Aktien- und Rentenmarkt hat sich wieder gefangen. Für die Stabilität der festverzinslichen Papiere gibt es eine einfache Erklärung: es strömt wieder Auslandsgeld in die Bundesrepublik, das zum Teil zum Kauf von DM-Auslandsanleihen verwandt wird. Da die Banken von diesen Papieren entlastet werden – die letzten Emissionen waren kaum noch zu placieren – besteht für sie auch keine Notwendigkeit mehr, öffentliche Anleihen und Pfandbriefe aus Liquiditätsgründen zu verkaufen.

Aber was geschieht nach der vieldiskutierten Aufwertung? Oder was passiert, wenn sie überhaupt nicht kommt? Die Rentenmarktexperten sehen mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Kommt es eines Tages zu einer Verkaufswelle in den DM-Auslandsanleihen, dann wirkt sich das auf den gesamten Rentenmarkt aus. Das ist auch der Grund, warum die Banken zurückhaltend reagieren, wenn Kunden gegen Aufnahme eines kurzfristigen Dollarkredits DM-Auslandsanleihen erwerben wollen. Selbst wenn ihnen ein Aufwertungsgewinn von 10 Prozent als sicher erscheint, so kann niemand garantieren, daß die Anleihekurse unmittelbar nach dem Tag X noch genau so "schön" sein werden wie heute. Denn nach der Aufwertung wollen viele verkaufen.

Die wiedergewonnene Stabilität der deutschen Aktienkurse ist einigermaßen rätselhaft, wenn man nicht der Theorie des Düsseldorfer Bankhauses C. G. Trinkaus folgen will, das der Auffassung ist, daß zusammen mit einer Neuordnung der Wechselkurse sofort ein drittes Investitionsprogramm der Bundesregierung zur Überwindung der dann zweifelsohne auftretenden Übergangsschwierigkeiten in Kraft gesetzt wird. Damit würde gegen einen Konjunkturabschwung vorgebeugt, so daß es schon bald wieder zu einem gesunden, allerdings gebremsten Aufschwung kommen müßte.

Tatsächlich liegen für die erwarteten "schwachen Börsentage", die logischerweise nach einer Wechselkursänderung mit Aufwertungseffekt für die Mark eintreten müssen, bereits erhebliche Summen bereit, die zum Kauf von guten deutschen Aktien verwendet werden sollen. "Wir glauben nicht", so meint man bei Trinkaus, "daß der zurückgestaute Anlagebedarf in der kurzen Unsicherheitsphase voll befriedigt werden kann, sondern raten unserer Kundschaft, schon jetzt mit Anlagekäufen zu beginnen."

Manchen Leuten mutet diese Philosophie als reichlich abenteuerlich an. Man wird aber unterstellen können, daß Trinkaus mit dieser Meinung nicht allein dasteht, sondern daß auch andere Stellen "Vorkäufe" auf den nächsten Boom vorgenommen haben. Sie tun dies um so leichter, als das deutsche Kursniveau auch unter Abschätzung aller Währungsrisiken nicht überhöht ist, sowie aus der Erwartung heraus, daß keine Bundesregierung der deutschen Wirtschaft eine derartige Roßkur zumuten wird, wie es die Regierung Erhard zur Wiederherstellung der Preisstabilität getan hat, und worüber sie letztlich gestürzt ist.

Natürlich wird bei den neuen Aktienkiufen eine strenge Auswahl betrieben. Unternehmen wie das Volkswagenwerk, bei dem eine besonders hohe Exportempfindlichkeit besteht, werden gemieden. Konzerne, die international produzieren, wie die Unternehmen der Großchemie, stehen dagegen auf der Anlageliste obenan. Auch Bankaktien finden zu steigenden Kursen Käufer. "Banken verdienen immer", heißt es in den Börsensälen. K. W.