Bestseller mit Mutterbindung

Von Stanley Kauffmann

Ohne Frage ist das wichtigste Kunstereignis des Jahres die David Smith gewidmete Retrospektive der Skulpturen im Guggenheim-Museum. Smith, der vor vier Jahren im Alter von 59 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, hat schon zu Lebzeiten beträchtliche Anerkennung gewonnen, aber seine wirkliche Bedeutung wurde erst postum erkannt. Wie die meisten Kritiker übereinstimmend meinen, ist er der größte amerikanische Bildhauer überhaupt.

Das Guggenheim-Museum ist ein Gebäude von Wright mit einer vom Foyer bis zum Dach spiralenförmig aufsteigenden langen Rampe an Stelle der üblichen Ausstellungsstockwerke. Ein Standardwitz in New York sagt, daß dieses Museum Wrights Rache an den anderen Künsten sei. Wie frühere Ausstellungsobjekte im Guggenheim-Museum haben es Smiths Arbeiten schwer, in dieser "rutschenden" Umgebung richtig gesehen zu werden – besonders seine größeren späteren Sachen. Niemand jedoch kann die Rampe hochsteigen, ohne das Gefühl zu haben, durch große innere Räume der Phantasie gegangen zu sein. Von dem mühelosen Symbolismus von "Australia" zu der Zartheit von "Star Cage" und der beherrschten Brutalität der "Zig"-Serie läßt Smith geschweißtes Metall und "gefundene" Maschinenteile Wunder vollbringen.

Seit der Picasso-Retrospektive im Museum of Modern Art vor einigen Jahren habe ich keine Sammlung von Arbeiten eines Menschen gesehen, die mir einen solchen Eindruck von Kraft vermittelten. Noch etwas wird vermittelt, noch etwas sehr Wichtiges, wenn man eine solche Sammlung wie die Smiths ansieht: eine neue Welle der Zuversicht in die Existenz der Kunst. Heutzutage, wo die oft beschworenen Bankrotte der verschiedensten Kunstformen schon fast als zukünftige Nationalfeiertage angesehen werden – der lang erwartete Tod des Romans oder des Theaters oder des Staffeleibildes oder der herkömmlichen Plastik – lassen die Arbeiten David Smiths ahnen, daß das einzige, was der augenblicklichen trüben Situation fehlt – Genie ist.

Auch anderswo gibt es einiges an Glücksfällen zu berichten. Zwei Ereignisse auf dem Gebiet der Lyrik schienen mir in diesem Frühjahr höchst begrüßenswert. Der diesjährige National Book Award für Lyrik ging an John Berryman für His Toy, bis Dream, bis Rest, ein Band, der die Dream Songs, die 1964 mit 77 Dream Songs begannen, abschließt. Es sind autobiographisch gefärbte, kurze Gedichte, die auf eine eigene Art die Bürden, Oberflächlichkeiten und Ambitionen des zeitgenössischen amerikanischen Lebens auf sich nehmen: Es gibt eine gewisse Ähnlichkeit von Berrymans Werk mit Ezra Pounds Cantos der Eindruck des sich ständig fortsetzenden lyrischen Werkes als eine Art Organismus, der das Leben des Dichters begleitet. Wenn auch Berrymans Dream Songs nicht Pounds Rang erreichen, so sind es doch sehr schöne Arbeiten. Sie benutzen weitgehend eine idiomatische Sprache, um den gegenwärtigen Augenblick zu transzendieren.

Ein anderer Lyriker – aus der Generation nach Berryman – beginnt gerade seinen eigenen Ton zu finden. Das vierte Buch von James Wright Shall we Gather at the River zeigt noch deutlicher als sein drittes, daß er mit zunehmender Kraft in eine selbständige Sprache und eine eigene Thematik hineinwächst. Als er begann, war er ganz offensichtlich von Robert Frost und Edwin Arlington Robinson beeinflußt. Die dann folgenden Erfahrungen – so bei der Übersetzung von Neruda und Trakl – haben ihn deutlich geprägt. Seine Arbeiten sind nun nicht mehr in traditionellen Formen, aber wunderbar kontrolliert, knapp, direkt. Der Lyriker Stanley Moss schrieb in der New Republic daß Wrights Dichtung "ein plötzliches Licht in das unbekannte Universum und auf das Unerkennbare" werfe. Moss’ Rezension war wohl der Grund, daß es zu einer einstündigen Sendung im Fernsehen kam, die Wright und seinem Werk gewidmet war; Wright las aus seinem neuen Buch und bestätigte damit erneut seinen Ruf.