Drei Gesellschaften (AEG, Bayer und die Dresdner Bank) haben neue Wandelanleihen angekündigt. Wandelanleihen sind festverzinsliche Papiere, deren Besitzer das Recht haben, ihre Stücke unter bestimmten Bedingungen in Aktien der Gesellschaft zu tauschen. Deshalb wird der Börsenkurs einer Wandelanleihe nicht nur durch ihren Nominalzinssatz bestimmt, sondern auch durch den Aktienkurs des Unternehmens, das die Wandelanleihe aufgelegt hat. Die Inhaber von Wandelanleihen sind also an einer Aktien-Hausse mit entsprechenden Kursgewinnen beteiligt. In diesem Punkt sind sie besser gestellt als die Besitzer von normalen Industrieschuldverschreibungen, die lediglich Geldforderungen darstellen, aber höhere Zinsen als Wandelanleihen bringen.

Für Aktiengesellschaften ist die Wandelanleihe ein vorzügliches Finanzierungsinstrument. Wie eben gesagt, meine verehrten Leser, ist ihre Verzinsung niedriger als die einer Normalanleihe. Auf der anderen Seite sind Wandelanleihen steuerlich günstiger als echte Kapitalerhöhungen. Die Zinsen für Wandelanleihen sind für das Unternehmen steuerlich abzugsfähig. Sie mindern den steuerlichen Gewinn, während die Dividenden auf junge Aktien dem versteuerten Gewinn entnommen werden müssen. Das macht einen erheblichen Unterschied. Außerdem können die Wandlungskonditionen so festgesetzt werden, daß die Aktien, die später durch Wandlung zu beziehen sind, ein so hohes Aufgeld (Agio) bringen, wie es sich bei den heute allgemein üblichen Kapitalerhöhungen schwerlich durchsetzen lassen würde.

Nach einer Faustregel finanziert sich eine Gesellschaft, die 16 Prozent Dividende ausschüttet, günstiger mit der Ausgabe junger Aktien zum Emissionskurs von 400 Prozent als durch eine sechsprozentige Anleihe. Die neuen Wandelanleihen sind alle auf einen Preis von 400 Prozent für die über sie zu beziehenden Aktien abgestellt. Die Dresdner Bank schüttet aber mehr als 16 Prozent, nämlich 18 Prozent, an ihre Aktionäre aus.

In Zeiten mit ungewisser Börsenzukunft sind Wandelanleihen für Sparer von besonderem Reiz. Ihre Besitzer haben die Chance, im gewissen Umfang an einer möglichen Börsen-Hausse zu partizipieren, auf der anderen Seite ist das Kursrisiko jeder Wandelanleihe begrenzt, sowohl durch ihren Nominalzinssatz als auch durch die Verpflichtung der Gesellschaft, sie im Falle der Nichtwandlung am Ende der Laufzeit zu pari zurückzuzahlen.

Da Wandelanleihen praktisch eine Kapitalerhöhung in Etappen darstellen, müssen sie von den Aktionären gebilligt werden. Ihnen steht ein Bezugsrecht auf die von ihnen genehmigten Wandelanleihen zu. Ob dieses einen finanziellen Wert hat, hängt von den jeweiligen Konditionen ab.

Sehen wir uns zunächst die neue AEG-Wandelanleihe an. Sie ist nicht identisch mit der 6 1/2prozentigen Wandelanleihe von 1966, die an der Börse zum Kurs von 139 Prozent gehandelt wird. Bei einer Laufzeit von 12 1/2 Jahren besteht bei der neuen Anleihe vom 1. Januar 1972 an ein Wandlungsrecht, auf Grund dessen 400 Mark (Nennwert) Wandelanleihen in zwei 50-Mark-Aktien umgewandelt werden können. In den Jahren 1972 bis 1974 beträgt die Zuzahlung 75 Mark. Sie steigert sich bis 125 Mark. Bezugsberechtigt sind nicht nur die AEG-Aktionäre (5:1), sondern im Verhältnis 15 : 1 auch die Besitzer der 6 1/2prozentigen Wandelanleihe.

Für bezugsberechtigte Aktionäre stellt sich bei der neuen AEG-Wandelanleihe die Rendite auf sechs Prozent (die Zinsen einer Wandelanleihe unterliegen dem Abzug der 25prozentigen Kapitalertragssteuer, die später mit der Einkommensteuer zu verrechnen ist). Da man heute davon ausgehen muß, daß bei festverzinslichen Papieren siebenprozentige Renditen marktgerecht sind, müssen die Zeichner der Wandelanleihe also einen Zinsverzicht von jährlich ein Prozent hinnehmen. Wenn man das Kursniveau sechsprozentiger Pfandbriefe als marktgerecht ansieht, so dürften sechsprozentige Papiere nur zu 90 Prozent notiert werden. So gesehen liegt das Kursrisiko der neuen AEG-Wandelanleihe zur Zeit bei etwa zehn Prozent.