Frankfurt

Schon im letzten Winter kündigte die Frankfurter SDS-Zentrale einen heißen Sommer an. Das war leichter gesagt als getan. Als die Genossen damals ihre Wetterprognose stellten, gab es noch keinen konkreten Anlaß für eine "Kampfsituation". Fest stand nur die allgemeine Stoßrichtung: eine forcierte Justizkampagne. Unerwartet kam dann plötzlich Hilfe vom Establishment: Die Frankfurter Ausländerpolizei verfügte die Abschiebung des 35jährigen persischen Soziologiestudenten Ahmed Taheri.

Auf dem Rhein-Main-Flughafen, wo die Maschine einer tschechoslowakischen Fluggesellschaft den lästigen Ausländer an Bord nehmen sollte, um ihn über Prag nach Teheran zu bringen, skandierten Demonstranten "Freiheit für Taheri!", Glasscheiben klirrten, Mobiliar ging in Trümmer. Der Held des Tages sorgte für den dramatischen Höhepunkt. Er versuchte, sich die Pulsadern zu öffnen. Statt des Flugs in die persische Heimat folgte eine Fahrt mit dem Krankenwagen in eine Gefängnisstation.

Das war ein Knochen, an dem sich der SDS festbeißen konnte. Umgehend erfolgte eine Presseerklärung: "Wir lassen nicht zu, daß mit polizeistaatlichen Methoden die deutschen Behörden wieder Helfershelfer ausländischer Diktatoren werden. Wir solidarisieren uns mit Taheri und werden die notwendigen Aktionen entschlossen vorbereiten und durchführen."

Die "notwendigen Aktionen" sollten unter dem Motto laufen: Frankfurter Behörden wollen den Hauptbelastungszeugen gegen jene Polizisten, die den SDS-Führer Hans-Jürgen Krahl zusammengeschlagen hatten, ausschalten. Tatsächlich war der Perser dabeigewesen, als dem SDS-Genossen und Hauptregisseur Frankfurter Rebellionen, Hans-Jürgen Krahl, von Polizisten das Nasenbein lädiert wurde.

Die Straßenschlachtstrategen brauchten sich nicht lange Gedanken, darüber zu machen, ob in dieser Parole genügend Explosivstoff war. Wieder kam unerwartet Hilfe aus dem konterrevolutionären Lager: Die Universitätsverwaltung lehnte ein Gesuch Taheris ab, ihn trotz Fristversäumnis zu immatrikulieren. Jetzt war das richtige Klima für eine Solidarisierungskampagne da: "Taheri rein – Polizei raus." Die Polizei war in der Universität, nachdem Prorektor Rammelmeyer die Alarmglocke gezogen hatte.

Nun konnte es richtig losgehen: Pflastersteine, Farbbeutel und Sprengkörper flogen. Der Erfolg: Einige Polizisten verloren die Nerven und knüppelten zurück. Einer Eskalation stand nichts mehr im Wege. Auch Studenten, die nicht mit dem SDS sympathisieren,fühlten sich schließlich über den Anblick des massierten Polizeiaufgebots provoziert und meinten, Rektor Walter Rüegg, in der Musterdemokratie Schweiz beheimatet, hätte sich den ganzen Zauber ersparen können. Mit etwas mehr politischem Fingerspitzengefühl für den Fall Taheri, so meinte man, wäre alles nicht so schlimm geworden.