Zum erstenmal seit dem Kriegsjahr 1944 hat in der sowjetischen Hauptstadt eine entmilitarisierte Mai-Parade stattgefunden. Statt moderner Waffen und zackiger Marschkolonnen defilierten zwei Millionen Moskauer Bürger vier Stunden lang über den Roten Platz – Fähnchen und Blümchen schwenkend.

Parteichef Breschnjew funktionierte die sonst eher martialische Mai-Faier in ein "fröhliches Frühlingsfest" um, an deren Ende nicht die sowjetische Nationalhymne, sondern die Internationale erklang. Statt des Verteidigungsministers, der die Truppenparade bislang mit einer zehnminütigen Ansprache eröffnet hatte, sprach diesmal der Parteichef – doppelt so lange, und seit langem wieder von der "friedlichen Koexistenz von Staaten mit unterschiedlichem Gesellschaftssystem". An den plötzlichen Stilwechsel der Mai-Feiern – die militärischen Vorbereitungen waren zunächst angelaufen – hatten sich Spekulationen über eine Veränderung der Machtstruktur im Kreml geknüpft.

Schimmernde Wehr und Waffen

Als einziges Ostblockland wollte die DDR nicht auf die schimmernde Wehr- und Waffenschau zum 1. Mai verzichten. Modernes, aber kein sensationell neues Gerät, Einheiten der Volksarmee und der Betriebskampfgruppen zogen an der Ehrentribüne vorbei, auf der sich SED-Chef Ulbricht nach einer halben Stunde von seinem Kronprinzen Erich Honecker ablösen ließ.

Vor den 300 000 Zuschauern konnte der Agrarexperte des Zentralkomitees, Gerhard Grüneberg, den Beschluß des Irak über die "volle Anerkennung der DDR" bekanntgeben. Der Feier (Motto: "Wir demonstrieren froh und stolz") folgte der obligate Protest der Westalliierten: Das Waffenzeigen ist deutschen Militärs auf dem Boden der Vier-Sektoren-Stadt nach Besatzerrecht verboten.

Drei Feiern – drei Lager

Die Bürger Westberlins – einst Stätte mächtiger Mai-Kundgebungen mit mehr als 750 000 Zuhörern – brachten insgesamt drei Veranstaltungen auf die Beine – nicht nebeneinander, sondern gegeneinander. Auf dem "Platz der Republik" lauschten 30 000 Zuschauer (1968: 200 000) dem Regierenden Bürgermeister Schütz und dem scheidenden DGB-Vorsitzenden Rosenberg.