Madeira will nicht nur eine Winterinsel sein. In den Sommermonaten kamen bisher nur die portugiesischen Landsleute vom Festland mit Kind und Kegel. Seit es deutsche Charterflugzeuge zu dieser Insel gibt, steht die Zahl der Touristen aus der Bundesrepublik an der Spitze. Lange Jahre war die portugiesische Atlantikinsel ein Luxuswinterdomizil zumeist betagter Engländer. Noch immer ist der Hafen von Funchal ein Ankerplatz für viele Kreuzfahrtschiffe. Im folgenden Beitrag schildert ein Engländer eine Begegnung mit der Insel seiner Sehnsucht.

Die Reiseplakate behaupten, Madeira sei die Perle des Atlantiks. Seit über hundert Jahren gehört es in besseren englischen Kreisen zum guten Ton, eine Zeitlang in Madeira zu überwintern. Wer Madeira nicht kennt, sinkt – jedenfalls in England – sofort im Status oder ist Schotte oder Ire; die konnten es sich meistens nicht leisten. Außerdem, so wird behauptet, ertränkte sich der Herzog von Clarence in einem Faß von Malvesierwein, um einen schönen Tod zu finden. Genau weiß man es nicht, denn es ist schon Jahrhunderte her; aber eins ist sicher, Malvesier gedeiht auf Madeira. Immerhin sind es schon gewichtige Gründe, Madeira zu besuchen, besonders wenn man bei uns seinen gesellschaftlichen Status heben möchte.

In meinem Konversationslexikon steht: Madeira ist die größte Insel in einer vulkanischen Gruppe im Nordatlantik. Ein Gebirge zieht sich, wie ein Rückgrat, quer durch die Insel, und der höchste Berg heißt Pico Ruivo. Die Hauptstadt Funchal hat eine Kathedrale, die um 1515 eingeweiht wurde. Das muß so um die Zeit gewesen sein, als sich Martin Luther in Seelenängsten befand.

Aber über die Schönheit der Insel sagt mein Lexikon nichts aus. Schon bei der Anfahrt mit dem Schiff ist die Üppigkeit der Vegetation ein überwältigender Anblick. Funchal liegt in einer herrlichen, bergigen Bucht, und die Häuser leuchten aus dem saftigen Grün wie weiße Blüten. Kaum jemand hört noch darauf, aber man sollte wirklich fremden, noch nie gesehenen Ländern mit Bedacht langsam näherkommen. Mit dem Düsenflugzeug geht alles viel zu schnell. Der Körper wird rasch befördert, aber der Geist mit dem Erkenntnisvermögen folgt erst später. Beim Flug verliert man jeglichen Sinn für Entfernungen. Nein, unbekannten Ländern sollte man nur aus der Menschenperspektive begegnen. Nur dann nimmt man sie richtig wahr.

Stundenlang stand ich an der Reling und konnte Madeira in mich aufnehmen, vom Augenblick an, als die Insel, wie eine Rauchwolke, am Horizont auftauchte, bis zum Anlegen des Schiffes am Kai. Dazwischen lagen sämtliche Stadien des Näherkommens. Die Wolke entwickelte Konturen, ihr Grau wurde grünlich, dann sattgrün und mit weißen Pünktchen betupft, die sich später als Häuser zeigten. Das war eigentlich der Augenblick, wo ich hätte umkehren müssen, denn es war der schönste Eindruck von Madeira.

Aber ich wollte mein Fernweh stillen und den Zauber der Subtropen genießen. Nun konnte ich auch das Geräusch der Brandung hören und um mich das Geknipse der Kameras. Nur etwas paßte nicht zu dem idyllischen Bild. Auf der Avenida, der Straße, die an der Bucht von Funchal entlangführt, rasten die Autos. Dabei hatte ich in England immer gehört, der Transport auf der Insel würde von Ochsenschlitten besorgt. Später würde mir klar, die Ochsenschlitten sind nur für Touristen bestimmt; die Einheimischen haben es eilig und benutzen Autos.

Funchal ist eine anheimelnde Stadt, doch ohne architektonische Schönheiten. Selbst im Reiseführer wurde ich auf keine nennenswerten Sehenswürdigkeiten hingewiesen. Nur wurde gesagt, daß einige Hundert Engländer in diesem klimatischen Paradies lebten. Mir schien es bald, als ob sie alle zu gleicher Zeit mit mir auf der Straße und in den Cafés waren. Die Madeiraner konzentrieren sich auf ihre Läden und Restaurants. Viele Frauen dieser sehr bevölkerten Insel (338 Menschen pro Quadratkilometer, Deutschland 232, Holland, das bevölkertste europäische Land, 348) beschäftigen sich immer noch mit Stickereien und Orchideenverkauf.